Ein Professor der Sprachwissenschaft hält einen Vortrag. Nach einigen Sätzen unterbricht er sich mit freundlicher Geste zum Mikrofon: "Können Sie mich verstehen?" Ein Philosoph im Auditorium ruft zurück: "Nur akustisch!" Ähnlich wie in diesem Witz dürfte es hin und wieder in den Koalitionsverhandlungen zugehen. Am Sonntag konnte man im "Kurier" lesen, was die Grünen "laut einem Insider" gefordert hatten: "Die Fußballstadien sollen ihre Lichter ab 20 oder 21 Uhr abschalten - damit Insekten durch die Scheinwerfer nicht verwirrt werden."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Man kann sich vorstellen, was das Thema war: die Lichtverschmutzung, sie wird auch als Lichtsmog bezeichnet. Durch senkrecht emporstrahlendes Licht entsteht über den Städten eine Lichtglocke mit negativen Auswirkungen auf die Fauna und Flora. Die biologischen Tag-Nacht-Zyklen werden gestört, und Menschen können nicht schlafen, wenn die Straßenlampen die ganze Nacht hindurch trotz Jalousien in ihr Zimmer leuchten. Die Unesco und andere internationale Organisationen haben schon vor einem Jahrzehnt einen Maßnahmenkatalog erstellt, wie Lichtverschmutzung reduziert werden kann. Es wird beispielsweise vorgeschlagen, dass der Lichtradius von Straßenlampen strikt nach unten gerichtet ist und dass diese nicht die ganze Nacht aufgedreht bleiben. Auch Beleuchtungen für Werbezwecke sollen eingeschränkt werden.

Laut "Kurier" gab es ein zweites Missverständnis. "Bei anderer Gelegenheit wurde von grünen Verhandlern offenbar beklagt, dass das Wort ,Entwicklungsland‘ veraltet und aus dem offiziellen Sprachgebrauch zu entfernen sei. Die verdutzten Türkisen erkundigten sich nach der korrekten Formulierung. ,Partnerländer aus den Fortschrittszonen des globalen Südens‘, lautete die Antwort."

Das klingt wie ein Witz, hat aber einen realen Hintergrund. Als "Globaler Süden" werden die Entwicklungs- und Schwellenländer bezeichnet. Es handelt sich um die Übersetzung von "Global South", einem Begriff, der Ende der 1980er Jahre vermutlich zuerst von der Weltbank eingeführt wurde, die Industrieländer sind demnach der "Globale Norden".

Das Gegensatzpaar "Nord/Süd" wird also um das Attribut "global" erweitert - in Analogie zu "Globalisierung" und "Globaler Wandel". In der Zeit des Kalten Krieges wurde die Welt in Blöcke eingeteilt. Die Erste Welt umfasste die Industrienationen des Westens, vor allem Europa und die USA. Die Zweite Welt stellten die sogenannten realsozialistischen Länder dar, angeführt von der UdSSR. Die Dritte Welt bestand aus den wenigen blockfreien Staaten. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat sich Dritte Welt als Ausdruck für besonders arme Staaten durchgesetzt. Während die Begriffe "Globaler Norden" und "Globaler Süden" bei Nichtregierungsorganisationen und in einigen geisteswissenschaftlichen Disziplinen bereits gang und gäbe sind, setzen sie sich in der Politik und in der interessierten Öffentlichkeit erst allmählich durch.

Koalitionsverhandlungen sind also auch ein Sprachkurs. Der Grünen-Chef hat übrigens tags darauf versichert, dass das Flutlicht in den Stadien nicht um 20 oder 21 Uhr erlöschen wird. Er ist Fußballfan.