Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir ist es so, dass ich im Supermarkt gefühlt eigentlich immer an der falschen Kassa stehe. Links von mir geht es voran, rechts auch, während in meiner Schlange wieder all die nervigen Barzahler stehen, die eine Ewigkeit nach dem passenden Kleingeld kramen. Schlimmer sind nur jene, die mit Karte zahlen und ihren PIN vergessen haben - der Super-GAU eines jeden Einkaufs.

Damit man nicht mehr ganz so viel Lebenszeit an Lebensmittelkassen verplempert, werden die Bezahlvorgänge angeblich ja immer weiter beschleunigt. Vor allem das kontaktlose Bezahlen mittels Chipkarte oder Handy reduziert die Wartezeiten markant. Noch besser sieht es in den Läden der Zukunft aus: In physischen Amazon-Shops in Amerika etwa erkennen Kameras und Sensoren, was der Kunde in seine Einkaufstasche legt. Bezahlt wird ohne Schlangestehen über eine App. "Go" heißt dieses Konzept, und hier findet gar nichts mehr statt, kein Kontakt und kein Stehenbleiben. Ein Traum! Nie mehr falsche Kassa!

Aber es soll tatsächlich Menschen geben, die genau das wollen, nämlich Kontakt und Verweilen. Die den täglichen Einkauf nicht als notwendiges Übel betrachten, sondern für die er oft die einzige Gelegenheit darstellt, mit anderen Menschen in Berührung und ins Gespräch zu kommen. Und so hat eine niederländische Supermarktkette in ihren Filialen jetzt etwas Neues eingeführt: eine "Kletskassa", eine "Plauderkassa". Wer sich hier anstellt, bringt Zeit mit und kann sich sicher sein, dass die Kassierkraft das Gleiche tut. Hier geht es nicht nur ums Bezahlen, sondern auch ums Quatschen, also um bezahltes Quatschen oder verplaudertes Bezahlen.

Eigentlich ist das eine ganz hübsche Idee, denn gefühlt vereinsamen und vereinzeln wir ja irgendwie alle. Freunde gibt es nur noch virtuell oder sie haben keine Zeit, und da ist so ein kleiner Dorftratsch an der Kassa doch eine schöne Möglichkeit, um mal wieder sein Herz auszuschütten. Andererseits ahnt man, dass man sich an dieser Kassa besser nicht anstellen sollte, denn wer weiß, wie lange die Krankengeschichte ist, die der ältere Herr vor einem ausbreitet, oder die Ode an die guten alten Zeiten, die die Oma anstimmt. Vermutlich wird deshalb bald der Ruf "Zweite Plauderkassa, bitte!" laut werden, und irgendwann gibt es womöglich nur noch eine einzige Kassa, an der man ohne viele Worte seinen Einkauf abwickeln kann.

Während links und rechts fröhlich geschwätzt wird, steht man dann an dieser falschesten aller falschen Kassen mit lauter Kommunikationsverweigerern und fragt sich, ob man nicht doch demnächst einmal den Onlinelieferdienst ausprobieren sollte.