Es war am Tag des entscheidenden Fußballspiels zwischen Salzburg und Liverpool, als das Malheur passierte. Wir, eine Runde von Freunden, die sich das Abonnement eines Bezahlsenders teilen, setzten uns erwartungsfroh vor den Fernseher, als dort - statt der Übertragung des Champions-League-Spiels - die Mitteilung erschien, dass es "Verschlüsselungsprobleme" gebe. Als der Besitzer des TV-Geräts verriet, dass er am Nachmittag das Modem gewechselt hatte, ahnten wir Schlimmes.

Gerald Schmickl, geboren 1961, ist Leiter der "extra"-Wochenendbeilage der "Wiener Zeitung".
Gerald Schmickl, geboren 1961, ist Leiter der "extra"-Wochenendbeilage der "Wiener Zeitung".

Mehrere Ein- und Ausschaltversuche änderten nichts. Das Match hatte bereits begonnen - aber noch stand es 0:0 (wie uns ein Liveticker am Handy verriet). Es half nichts, eine telefonische Hotline musste angewählt werden, um das technische Problem vielleicht auf fernmündliche Weise zu beheben. Während sich also einer fand, der sich dieser mühsamen Prozedur unterzog, zog ein anderer ein Schriftstück aus der Tasche, um uns in der bild- und fußballlosen Zeit mit einer Botschaft aus seinem Leben als Verwaltungsbeamter zu unterhalten. Und er las vor:

"Der Brauch, aus Anlass des Weihnachtsfestes und des Jahreswechsels den persönlich Bekannten Glückwünsche auszusprechen, hat in steigendem Maße auch im öffentlichen Dienste platzgegriffen. Viele Beamte fürchten, ein Gebot der Höflichkeit zu verletzen, wenn sie nicht ihren Vorgesetzten und ihren Mitarbeitern die üblichen Weihnachts- und Neujahrswünsche vortragen. Beamte in leitenden Stellen und Beamte mit einem ausgedehnten dienstlichen Geschäftsverkehr werden dadurch in die Notwendigkeit versetzt, einen bedeutenden Teil ihrer Zeit und ihrer Aufmerksamkeit dem Empfangen und Übermitteln von Glückwünschen zuzuwenden. Dieser Zustand widerspricht dem Gebot der Sparsamkeit in der Verwaltung.

Auch die geringere Anzahl von Arbeitstagen um die Weihnachtszeit und die bei vielen Dienststellen gerade um diese Zeit auftretende Häufung von Arbeit lässt es angezeigt erscheinen, von Glückwunschaktionen im öffentlichen Dienst abzusehen. Ich beabsichtige daher, das im Entwurf beiliegende Rundschreiben zu erlassen und stelle den Antrag, der Ministerrat wolle hievon zustimmend Kenntnis nehmen."

Als wir kichernd - manche auch kopfschüttelnd - zu erraten versuchten, von welchem der derzeit (noch) tätigen Minister diese Vorlage stammen könnte, aber zu keiner realistischen Einschätzung gelangten (auch weil noch immer niemand die Ministernamen wirklich kennt), verriet uns der Vorlesende die Lösung: Das Schriftstück mit dem Titel "Vortrag an den Ministerrat" stammte aus dem Bundeskanzleramt ("Zl.136.074-3/53") und war gezeichnet mit: "Wien, am 30. November 1953. Raab."

Jetzt war die Verblüffung groß, das Kichern laut: Wir hatten eine Compliance-Verordnung aus frühen Amtstagen vernommen! Vor allem das "Gebot der Sparsamkeit in der Verwaltung" hatte uns auf eine falsche aktuelle Spur gelotst. Wie wenig sich die Zeiten im öffentlichen Dienst doch ändern!

Dafür war inzwischen die Entschlüsselung des TV-Programms gelungen - und statt Julius Raab rückten nun endlich die Herren Haaland und Salah in den Vordergrund. Das Wünschen half indes auch hier wenig.