Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming/Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming/Tirol.

Die französischen Gelbwesten haben einen Spruch geprägt: "Ihr redet vom Ende der Welt, wir reden vom Ende des Monats." Wir reden heute dem Datum entsprechend vom Ende des Jahres und davon, was uns danach erwartet. Vielleicht einfach nur ein neues Jahr?

Egal, ob man an die Zukunft glaubt oder nicht, sie kommt auf einen zu. Deshalb habe ich mir auch für 2020 wieder einen Kalender angeschafft. Weil mich Schönwetteraufnahmen und Kalenderschönheiten langweilen, entschied ich mich für einen Abreiß- bzw. Abrisskalender, der seinem Namen alle Ehre macht und zur Des-truktivität unserer Zeit passt, in der eine optimistische Lebenshaltung schon fast einer Persönlichkeitsstörung gleichkommt: "366 Bausünden zum Abreißen".

Nun könnte man fragen, was es bringt, ein Jahr lang jeden Tag das Bild einer Bausünde abzureißen und den Altpapiercontainer zu belasten. Setzt man damit nicht unweigerlich täglich einen Akt der Aggression? Turit Fröbe, der Gestalterin des Kalenders, wird folgendes Zitat zugeschrieben: "Eine gute Bausünde hat einen sehr starken Wiedererkennungswert, hat Mut, greift daneben und sprengt den Kontext." Das ist gar kein schlechtes Motto für ein neues Jahr: Auch einmal mutig danebenzugreifen, den Kontext zu sprengen und es sich zu verzeihen, wenn man das angestrebte Pensum einmal nicht geschafft oder über das Ziel hinausgeschossen hat. So destruktiv ist der Bausünden-Kalender also gar nicht.

"Der falsche Kalender" wiederum ist ein Jahresbegleiter zum Postfaktizismus mit 365 falsch zugeordneten bzw. bewusst durcheinandergewirbelten Zitaten. Er wird so angepriesen: "Diesen immerwährenden Kalender mit modernster Abreißtechnik kann man auf den Tisch stellen oder an die Wand hängen. Er bietet als erster Kalender 365 Tage lang Wochenende. Toll." Der Herausgeber, Poetry-Slammer Marc-Uwe Kling, ist auch für den "furchtbaren Kalender" verantwortlich. Dieser legt dem US-Präsidenten täglich Falschaussagen in den Mund. Der Sinn dieses Produktes erschließt sich nicht so ganz, denn ein Jahr mit schlimmen Zitaten zu füllen hätte man auch mit richtig zitierten Trump-Sprüchen hinbekommen. Aber Marc-Uwe Kling sagt ja selbst über diesen Kalender, er sei "ein widerliches Produkt, das Profit aus einer Katastrophe zu schlagen versucht. Niemand sollte ihn kaufen."

Falschmeldungen bzw. verzerrte Darstellungen bekommen wir ohnedies täglich aufgetischt, was mittlerweile in der Medienwelt nur noch als lässliche Sünde gilt. Apropos: Gibt es eigentlich den "Calendario Romano" mit den schönen Pin-up-Priestern, Gottes liebsten Dornenvögeln, noch? Dieser Reiseführer durch den Vatikan ist mir immer ein bisschen "widersprüchlich" vorgekommen. Da sind mir die Sprücheklopfer-Kalender mit ihren banalen Weisheiten, die im Prinzip unwiderlegbar sind, lieber. "Gib jedem Tag die Chance, nicht der letzte deines Lebens zu sein" ... oder so ähnlich.