Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

"Zwischen den Blumen und der Erde, da hatte er sich hingesetzt, der alte Freund aus meiner Kinderzeit, Kasperl, der kleine, lustige Allerweltskerl. Aber er sah jetzt gar nicht lustig aus; seinen großen Nasenschnabel hatte er traurig auf die Brust gesenkt; der eine Arm (...) war gegen den Himmel ausgestreckt, als solle er verkünden, dass, nachdem alle Puppenspiele ausgespielt, da droben nun ein anderes Stück beginnen werde."

Mit diesen Worten beschreibt Theodor Storm in seiner Novelle "Pole Poppenspäler" die Beerdigung von Joseph Tendler und dessen Kasperlfigur. Erst im Grab finden der alte Theatermann und die Marionette, die ihm verloren gegangen war, doch noch zusammen.

Storm, der nicht nur Dichter, sondern auch Amtsrichter war, sah diesen finalen Akt seiner Novelle vermutlich als eine Art Happy End. Immerhin wird der Protagonist die Tochter des verstorbenen Tendler heiraten und sie so aus der Welt der fahrenden Schausteller holen. Um den Preis, dass sie selbst nie mehr wieder Marionetten anrührt, gelingt ihr als brave Gattin eines Kunstdrechslers der Aufstieg in das bürgerliche Leben.

Aus emanzipatorischer Sicht wie aus Sicht eines Kasperl-Fans ist dieses Ende eine Sauerei. Storm hätte es in der Feder gehabt, den Kasperl einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin anzuvertrauen. Wäre er ein besserer Autor gewesen: Storm hätte verstanden, dass man einer Figur wie dem Kasperl, der Herrschaft, Tod und Teufel trotzt, nicht einfach so den Holzpyjama anzieht. Wie daneben der Autor liegt, zeigt die Geschichte des seit 1950 bestehenden Puppentheaters in der Urania. 2018 fand Urania-Direktor Manfred Müller, der dem Kasperl Stimme und Charakter lieh, in André Heller einen Nachfolger. Drei Tage vor Antritt seines Ruhestandes im April 2019 verstarb Müller. Doch schon im Oktober öffnete sich der Vorhang erneut: Der Kasperl war wieder da.

Dass mein Sohn und ich seither jedes Stück gesehen haben, ist natürlich meiner Nostalgie geschuldet. FS 1, Mittwoch, 17 Uhr, war in meiner Kindheit ein Pflichttermin. Heute erfreue ich mich an der Interaktion mit dem Publikum, an der Verwendung des Wienerischen und am Aufbegehren von Kasperl und vor allem Pezi (von Alexandra Filla gekonnt in Szene gesetzt).

Schon klar, nicht jeden amüsiert’s, wenn er als "Palatschinke" begrüßt wird. Mich aber schon. Und wenn ich die Begeisterung im Gesicht meines Buben sehe, der lauthals mitbrüllt, sehe ich mich als Dreijährigen neben ihm sitzen.

Theodor Storms "Poppenspäler" sollte man jedenfalls eine letzte Szene spendieren. Irgendetwas am Friedhof zum Beispiel. Ein Nasenschnabel fährt aus feuchter Erde, dazu leise, dann immer lauter: "Einmal Schwipp und einmal Schwupp, Bifzi-Bafzi-Trallalah ..."