Dass alles mit allem zusammenhängt, ist auch (oder gerade) zum Jahresbeginn keine neue Erkenntnis. Aber wie steht es um den Beginn eines neuen Jahrzehnts? Da sitzt man, geplagt von leisen Zweifeln, frühmorgens vor dem Computer. Und versucht draufzukommen, ob denn mit dem 1. Jänner 2020 tatsächlich ein neues Dezennium anhob. Denn Freunde hatten mir - noch vor dem Jahreswechsel - bedeutet, dass es nun einmal kein Jahr Null gebe. Und somit gerade, dem allgemeinen Sprachgebrauch zufolge, zwar die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts begonnen haben, aber streng mathematisch eben kein neues Jahrzehnt. Damit müsse man sich bis zum 1. Jänner 2021 gedulden.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Herrje! Wenn man sich ernsthaft in dieser Materie vergräbt, stößt man rasch auf den Namen Dionysius Exiguus. Der frühmittelalterliche Mönch gilt als Begründer der christlichen Zeitrechnung. Weil aber in jener Epoche in Europa die Null als Ziffer und Zahl unbekannt war, ist der Startschuss für alles Nachfolgende unauflöslich mit der Eins verquickt. Sie glauben mir nicht? Dann googlen Sie ruhig nach. Sollte man Sie ein paar Stunden oder Tage später aus der Gummizelle holen, sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Absichtslos forschendes Surfen im Internet - man springt dabei, getrieben von Neugier, von Hyperlink zu Hyperlink - bringt tatsächlich manch überraschenden Erkenntnisgewinn. So stolperte ich im Zusammenhang mit Meister Dionysius erstmals über die Berufsbezeichnung "Computist". So nannte man, dem lateinischen Verb computare (berechnen) zufolge, die in Sachen Kalender, Mondzyklen und Sonnenstand bewanderten Gelehrten des Mittelalters. Der PC, an dem ich gerade sitze, ist laut dem Historiker Arno Borst ein Vertreter jener Spezies, die "in der Geschichte der Wörter den Computus ums Leben gebracht hat." Keine Kurzgeschichte, aber in einem Satz zusammenzufassen: Der Mensch wurde von der Maschine abgelöst.

In diesem Prozess stecken wir in den Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts - egal, wie man’s berechnet - tiefer drin denn je. Liest man Sozialstudien und Zukunftsprognosen, scheinen Jobverlust (und die Angst davor), der Prozess alles durchdringender Digitalisierung und die schleichende Verdrängung der humanistischen Denk- und Wesensart durch Algorithmen, künstliche Intelligenz und Big Data zu den dunkelsten aller dunklen Wolken zu zählen, die über der Zukunft der Menschheit hängen. Und selbst wenn man da, erst recht zum Jahresanfang, als Mensch strahlenden Optimismus dagegensetzen mag: Die Kurven so ziemlich aller Wahrscheinlichkeitsrechnungen versprechen wenig Gutes.

In einem Punkt aber wundere ich - der Mathematik, Kybernetik und EDV nie zu seinen Lieblingsfächern zählte - mich schon: Wer steuert eigentlich diesen vorgeblich unaufhaltsamen Prozess? Wer profitiert davon? Wer zahlt dafür? Und: Dürfen wir ihn wirklich Fortschritt nennen, im menschlichen Sinn des Wortes? Wenn nein: Wer oder was hindert uns daran, die Maschinen neu zu programmieren und die Uhren anders zu stellen?