Die Veranstalter hatten den Leuten da echt nicht zu viel versprochen. Ich jedenfalls hatte so ein Feuerwerk tatsächlich noch nie zuvor gesehen. (Nämlich ein unsichtbares.) Und der Heinz, die Eva und der Hans haben das auch zum ersten Mal erblickt. Oder eben nicht erblickt. He, klingt fast wie einer von diesen rassistischen Gschertenwitzen: Ein Burgenländer, eine Steirerin und ein Bayer feiern mit einer Kärntnerin in Wien Silvester . . . Und wenn es mir nicht wirklich passiert wäre, könnte ich sogar darüber lachen.

Hunderttausend, ach was: Hunderttausend-e haben also im Chor erwartungsvoll die Sekunden vor Mitternacht heruntergezählt ("zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins . . .") und dann - nix. Das neue Jahr hat einfach nicht angefangen. Okay, im Kalender schon. Allerdings nicht über unseren Köpfen. Locker eine Viertelstunde hat die wartende Menge ungläubig in den dunklen Nachthimmel gestarrt, der überm Rathaus gehangen ist wie ein schwarzer Flachbildschirm. Wo war die spektakuläre Pyro-Show? Lediglich ein paar inoffizielle Raketen haben schüchtern versucht, Stimmung zu machen. Gut, ich geb’s zu: Ich bin schuld, dass der Heinz, die Eva und der Hans (und ich) kein Feuerwerk gesehen haben. Nein, dafür, dass es ausgefallen ist, übernehme ich natürlich nicht die Verantwortung. Bloß dafür, dass ich die andern (nicht alle andern, nur drei davon - die übrigen von den Hunderttausenden müssen sich bei jemand anderem beschweren) dazu überredet habe, sich doch nicht das Feuerwerk beim Riesenrad anzuschauen (und das hat ja offenbar stattgefunden), sondern stattdessen jenes beim Rathaus, weil das garantiert viel, viel toller wäre. Beethoven-Jahr und so. Hm. Wenn das eine Hommage an den Beethoven hätte sein sollen, hat hier irgendwer schlecht recherchiert. Der war taub, hallo? Nicht blind. (Und taub.) Oder vielleicht hat der Zündschnurbeauftragte plötzlich ganz dringend Lulu müssen und sie haben ihn nirgends reingelassen. Wie den Hans, der deswegen beinah . . . eh nix verpasst hätte.

"Mi täts ned wundern, wenn sich der IS dazu bekennen würd", hab ich dem Heinz gegenüber später gemutmaßt. "Wieso der IS? Dem is das Klima doch voll wurscht. Wenn schon, dann Fridays For Future." - "Des san doch kane Terroristen." - "Oba de wollen uns a jeden Spaß verderben." - "Die woans trotzdem ned. Es is Mittwoch, ned Freitag."

Und? Wer ist es jetzt gewesen? Der Oberst von Gatow mit dem Kerzenleuchter im Salon? Der Wind! Mit seinen km/h! Im Freien! Wegen dem hätte man das Feuerwerk kurzfristig abgesagt. Im Ernst? Sogar in Sydney haben sie eines hingekriegt, wo sie von unlöschbaren Buschbränden umzingelt sind, und bei uns macht man sich bereits wegen eines Lüfterls an? (Oder womöglich doch, weil alle Klos besetzt waren, und den Verantwortlichen ist die Wahrheit schlicht zu peinlich.) Die Raketen sollten ja nicht zum Mond fliegen, bitte. Sondern sowieso vorher explodieren. Moment: abgesagt? Impliziert das nicht, dass man irgendwem was . . . sagt? Den Menschen, die da blöd herumstehen, zum Beispiel? Ach, dafür bin ich mit einem besseren Gewissen schlafen gegangen als viele Australier. Sich an der Pyrotechnik zu ergötzen, während nebenan die niedlichen Koalas aussterben - haben die denn überhaupt keinen Genierer? (Und mit solchen Leuten werden wir dauernd verwechselt.)