Ich wusste, es würde geschehen. Die Frage war nur, wann. Und unter welchen Umständen. Dass Urlaubsfotos aufreizend, ja nachgerade provokant wirken in Zeiten, die uns gerade den Neologismus "Flugscham" (nach dem schwedischen Wort flygskam) beschert haben, liegt auf der Hand. Die Wortschöpfung bezeichnet, so schlage ich nach, "das Konzept, das jedermann ein Schamgefühl beim Gedanken an eine Flugreise haben sollte". Aus nachvollziehbaren Gründen. Der internationale Luftverkehr trägt etwa fünf Prozent zu den schädlichen Treibhausgasen auf diesem Planeten bei. Das ist nicht nichts. Dabei haben rund 90 Prozent der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug bestiegen.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Der freiwillige Verzicht auf Kurzstreckenflüge und unnötige Ferienreisen in exotische Weltgegenden, die schlecht per Zug zu erreichen sind, ist also sensibel und klug. Aber gilt das auch für das "Konzept" der Flugscham selbst? Nun: Tut mir leid. Ich empfand und empfinde über den Wolken nichts Spezielles. Weder besondere Freude noch das Gegenteil. Schon gar keine Scham. Ich nutze selten Flugzeuge, die Zeiten, als ich mit einer Senator-Card aufwarten konnte, sind lange vorbei. Zudem hasse ich Billig-Airlines mit ihren hinterhältigen Preismodellen. Was heute mit dem Flieger zurückgelegt werden muss, hat mit Distanzen, Zeitaufwand und Verhältnismäßigkeiten zu tun. Als Statussymbol hat derlei weitgehend ausgedient. Tröstlicherweise vermerkt Wikipedia, Flugscham bedeute nicht, das Reisen völlig aufzugeben. Sondern auf weniger klimaschädliche Verkehrsmittel zurückzugreifen. Freilich kann ich nicht Yachten und Katamarane mieten (oder gratis nutzen) wie Greta Thunberg, wenn sie über den Atlantik segelt.

Was allerdings merkbar dräut, ist das Fremdschämen. Und zwar ein wechselseitiges. Ich will es Ihnen an einem Beispiel erläutern, das mein persönlicher Anlass für diese Kolumne ist. Ich schreibe sie in einem Naturressort am südlichen Zipfel von Afrika. Ferienzeit, ja. Aber immer auch der Versuch, über den Tellerrand hinauszublicken und etwas über dieses Erdrund zu erfahren. Umso erstaunter war ich, als ich - gar nicht gedankenlos, im Gegenteil - mein Entsetzen über die Brandkatastrophe in Australien zum Ausdruck brachte, indem ich auf Facebook einen Bericht eines persönlich betroffenen Reporters verlinkte. Und postwendend einen Kommentar einfuhr: "Wie muss man drauf sein, wenn man die Auswirkungen des Klimawandels nahtlos nach den eigenen Ich-jette-durch-die-Welt-Fotos postet . . ." Meine Antwort, wie man erst drauf sein müsse, wenn man sein Leben verleugnet, um diesem moralischen Absolutismus zu genügen, beendete die Debatte nicht. Im Gegenteil.

Befremdung ist in diesem Konnex ein treffliches, weil mehrdeutiges Wort. Aber: Es werden noch viele solche Debatten folgen. Wir werden das Streiten genauso neu lernen müssen wie das Reisen - und auf puren Vergnügungstourismus und plumpen Anschuldigungsmoralismus auch verzichten. Hoffentlich. In Schweden gehen die Passagierzahlen schon zurück; der Rest der Welt steht noch in der Warteschlange.