Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Die Tage um den Jahreswechsel bieten Zeit für unterschiedliche Beschäftigungen: Ein Buch endlich fertig lesen, Vorsätze für das neue Jahr fassen, zu Hause aufräumen oder einfach fortfahren. Bei mir war es diesmal eine Mischung aus den beiden letzteren Möglichkeiten. Zwei Schuhkartons voll mit Ansichtskarten, die vor fünfzig Jahren oder noch früher in den Besitz unserer Familie gelangt waren, warteten seit Langem darauf, gesichtet und geordnet zu werden: Eine äußerst angenehme und geruhsame Reise, die mich vor allem zu Orten in Österreich, Deutschland und Italien führte, aber auch viel über die damalige Gestaltung von Postkarten verriet.

Ab den 50er Jahren hat man den Eindruck: Wann immer es geht, sollen Autos zu sehen sein. Selbst wenn der Bildausschnitt es tadellos zugelassen hätte, ausschließlich die ausgewählte Kirche oder Burg zu zeigen - zumindest ein Wagen musste aufs Foto. So wie der weiße Fiat 500 am Fuße der Malatesta-Burg oder der olivgrüne Alfa Giulia vor der Kathedrale von Fano oder der nagelneue VW 1600 vor dem Rathaus von Hannover. Mein absoluter Liebling in der Kategorie "Auto im Bild" ist allerdings eine Karte, aufgenommen im niederösterreichischen Ort Gresten: Von der Kirche im Hintergrund sieht man so gut wie nichts außer ihrem Turm mit dem markanten Satteldach; im Vordergrund steht, am Straßenrand geparkt, ein roter VW Käfer, Baujahr 1955, mit Vorarlberger Kennzeichen.

Dass ein Urlauber von so weit weg sich ausgerechnet hierher verirrt hätte? Die Lösung des Rätsels liefert möglicherweise eine Textzeile auf der Rückseite: Die Fotorechte liegen bei einem Dornbirner Verlag. Anscheinend gefiel dem Fotografen sein Wagen noch besser als die spätgotische Kirche.

Ein wahres Prunkstück ist die nachkolorierte Karte "Adriatische Riviera (Nachtaufnahme)", im Sommer 1964 versandt: Eine Terrasse mit zwei Tischen, daneben Sessel mit geflochtenen Plastik-Sitzflächen und ebensolchen Lehnen, und dies alles flankiert von zwei trotz tiefer Dunkelheit aufgespannten Sonnenschirmen, die von einer romantischen Laterne beschienen werden. Dahinter eine ausladende Mittelmeerbucht, der Horizont berührt den Lichtkegel der Laterne. Etwas jüngeren Datums ist "Ein echter Edelweißgruß von den Königsschlössern": Links ein Foto von Neuschwanstein, rechts eines von Hohenschwangau, dazwischen - hinter einer transparenten Schutzfolie aufgeklebt - ein kleines Edelweiß.

Es hat mit all dem Betrachten und Lesen (etliche der Schreiber und viele der Adressaten sind mir gut bekannt) einige Tage gedauert, bis alles von Großglockner bis Matterhorn, von Bad Gleichenberg bis Lignano durchgesehen und sortiert war. Am Ende fand ich einen nachdenklichen Neujahrsgruß von vor mehr als fünfzig Jahren: "Lieber Karl! Bald ist wieder ein Jahr rum. Was wird uns im nächsten wohl bevorstehen?" Schwer zu sagen - damals wie heute.