Wir wollten eigentlich nur ein bissl spazieren gehen, der Heinz und ich. Aber dabei sicher nicht mit der ungeschminkten Realität konfrontiert werden. Von der hatten wir ja bereits in der bummvollen U-Bahn genug mitbekommen, nämlich gleich so viel auf einmal, dass wir kaum noch Luft gekriegt hatten. Es gibt einfach zu viele Menschen, die nicht Auto, E-Scooter oder Fahrrad fahren. (Oder zu kurze U-Bahn-Züge?) Jedenfalls sind wir zufällig an einer uuuurlaaaaangen Warteschlange vorbeigekommen. Und mein erster Gedanke war: "Boa, jetzt stehen die Frauen schon bis do heraußen. Echt oag." Oh, auch ein paar Männer. Dann war das wohl doch nicht die Schlange vorm Damenklo. Trotzdem arg.

Mitten in Wien, in der lebenswertesten Stadt der Welt, müssen sich die Leute also um Essen anstellen. Draußen in der Kälte. Ach, betrifft sowieso bloß die Ausländer. Denn unsereins würde sich das nie freiwillig antun. Ein Passant, ein Einheimischer, hat zwar versucht, sie von ihrem Elend zu erlösen. Mit seinem Englisch. ("You can go home. It’s not worth it. It’s very, very dry.") Die haben freilich nicht auf ihn gehört. Dass das Essen ihnen ohnedies nicht schmecken würde, weil es total trocken wäre, das war ihnen wurscht. Ja, vielleicht, wenn sie sich um eine Suppe angestellt hätten. Und nicht um eine - Original Sachertorte, die man schließlich nicht löffelt, die isst man mit der Gabel. "Du, Heinz, sollt ma ned die Caritas anrufen, dass die ihren Suppenbus vorbeischickt? Weil bis die alle endlich bei ihrem Tortenstückl angelangt san, san de längst verhungert." Das hab ich den Heinz natürlich nicht gefragt. Mit den Touristen (mit wem sonst?), die sich vorm Hotel Sacher und vor meinen Augen vermehrt haben wie die Karnickel (okay, unglücklicher Vergleich), hatte ich null Mitleid. Die essen uns unsere Nationaltorte weg, hallo? Und wir müssen uns derweil die von Coppenrath & Wiese auftauen. Kennen die denn überhaupt keine Scham, bitte?

Offensichtlich nicht. Weder eine Flugscham noch eine Reisebusscham und definitiv keine Sachertortenscham. (Die berühmte Schokotorte mag ja eine lokale Spezialität sein, doch der Kakao in der Couverture stammt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von hier. Sondern von . . . weiter weg.)

Zur Strafe sollte man denen eine klimafreundliche Sachertorte vorsetzen. Einen Apfelstrudel? Wäre eine Möglichkeit, allerdings keine Strafe. Nein, eine Sachertorte, die zu 100 Prozent kakaofrei ist. (Ist die nicht ziemlich blass?) Und ohne Schlagobersklecks. Weil wo kommt der her, na? Aus der Kuh, pfui! (Etwa aus der, die das Klima mit ihren Methan-Rülpsern und -Fürzen vergast?) Und keine Melange dazu. Wegen der klimaschädlichen Substanz, die da drin ist: Kaffee. Das wird dann wirklich very, very dry. Heinz: "Kaffee is schlecht fürs Klima?" Ich: "Solang er ned mit dem Zug aus Afrika oder Südamerika anreist: jo. He, so gsehn is die Erderwärmung sogoa guat fürs Klima. Bald wern die Kakao- und Kaffeebohnen nämlich bei uns auf den Bäumen wachsen."

Nicht, dass ich keine Schokolade essen oder keinen Kaffee trinken würde. Aber ich besitze wenigstens so viel Anstand, das bei mir daheim zu tun. In meinem Land. Ich schädige also zumindest mein eigenes Klima und nicht das von den Franzosen oder Chinesen. Außerdem ist meine Schokolade eh ein regionales Produkt. Die kauf ich beim Billa ums Eck.