Geputzte Schuhe hatte ich eigentlich nur beim Bundesheer. Und auch dort nicht wirklich freiwillig. An den Schuhen erkennt man den Charakter, hat es in meiner Familie immer geheißen. Muss einen seltsamen Charakter gehabt haben als Kind, so oft wie mir der Satz um die Ohren geflogen ist. Beim Bundesheer hatten alle den gleichen Charakter. Geputzt oder ungeputzt. Je nachdem ob der Mensch im Gatsch gestanden ist oder in der Kaserne.
Später, als ich beruflich oft auf Reisen war, wurde ich zum Schuhputzprofi. Denn Schuhputzprofi kannst du nicht an gut geputzten Schuhen erkennen. Den Schuhputzprofi erkennst du daran, dass er auf Reisen Hotels mit Schuhputzautomaten bevorzugt. Der Schuhputzautomat gehört zu den wesentlichen Erfindungen für den Schuhputzprofi, obwohl er die Schuhe nicht wirklich putzt, sondern nur irgendwie sauberer macht. Der Unterschied zwischen wirklich geputzt und nur irgendwie sauberer ist einem Menschen, der nicht vor vierzig Jahren in Klagenfurt beim Bundesheer war, kaum zu erklären. Aber Eingewiesene erkennen einander sofort.
Abseits der Automaten kriegen meine Schuhe verlässlich nur das Fest der Lederpflege. Das Fest der Lederpflege findet jedesmal knapp nach Silvester statt, also gleich am Anfang des Jahres und soll die nächsten zwölf Monate Lächeln, Reichtum, Glück und Fortschritt bringen. Alle Schuhe werden gemustert und gestreichelt und falls für gut befunden auch gesäubert. Kranke Teile werden ausgemustert, gesunde kommen in geheimen Ordnungen wieder zurück in den Schrank. Feng Shui für Fachidioten. Bundesheer für einen Tag. Egal wie man das sieht, diesmal ging die Sache schief. Gleich am Anfang habe den blauen Spray auf die braunen Wildlederstiefel gesprüht und danach hatte ich keine Lust mehr. Das Jahr wird hart. Sagt mein Orakel.