Die Doppelformel "Liebe Leserin! Lieber Leser!" ist passé. Zumindest an der Universität Wien. Es darf auch nicht mehr mit Binnen-I gegendert werden. Stattdessen soll vom Sprachhimmel der Genderstern leuchten.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Darunter versteht man ein Sternchen zwischen dem Wortstamm und der weiblichen Endung einer Personenbezeichnung (Kolleg*innen) oder zwischen männlicher und weiblicher Endung (Verkäufer*in). In der gesprochenen Sprache soll man dort, wo der Stern steht, eine kurze Pause machen. Konsequent weitergedacht, müssten in Fließtexten auch Pronomen und Artikel mit Sternchen versehen werden: jede*r Leser*in, sein*e Mitarbeiter*in oder der*die Besitzer*in.

In diesem Fall halte ich es mit Juvenal: "Difficile est saturam non scribere." Es fällt mir schwer, keine Satire zu schreiben. Fakt ist, dass es nach Erkenntnis G77/2018 des Verfassungsgerichtshofes vom 15. Juni 2018 bei Geschlechtseintragungen neben weiblich und männlich seit
1. Jänner 2020 auch eine dritte Möglichkeit geben muss. Als Abkürzung ist neben w und m ein x vorgesehen. Wer divers ist, so lautet der gängige Begriff, kann sich dieses x im Pass eintragen lassen. In Österreich haben grob geschätzt etwa 8000 Menschen dieses Recht - wenn sie ein medizinisches Gutachten vorlegen.

Dass es auch in den Formularen der Universitäten Vorkehrungen für "nichtbinäre Identitäten" geben muss, liegt auf der Hand. Aber eine "Task Force gender-
inklusiver Sprachgebrauch" an der Universität Wien ist kurz vor Weihnachten noch einen Schritt weiter gegangen. In einer Aussendung legten sie fest, wie die Anrede in Massenaussendungen gestaltet werden soll. Die vernünftige Variante wurde aus Deutschland übernommen: "Herr" und "Frau" einfach weglassen. Das ergibt "Guten Tag Eike Sowieso" und "S.g. Eike Sowieso". Absurd sind die von der "Taskforce" vorgeschlagenen Anredeformen mit Genderstern: Liebe*r Studierende*r, Liebe*r Benutzer*in und Lieb* Studierend*.

Die Erkenntnis des Verfassungsgerichts wird also zum Anlass genommen, den Genderstern einzuführen. Damit bleiben die binären Methoden auf der Strecke: die vernünftigen Doppel-
formen und das umstrittene Binnen-I. Die Sprache soll nicht gendergerecht, sondern "genderinklusive" werden.

Aber es regt sich Widerstand unter den Studenten. Vor wenigen Tagen hat mich die Aussendung einer Gruppe von Studenten erreicht, die sich als überparteilich bezeichnet und vom Senat die Rücknahme der Sternchen-Empfehlung verlangt. Diese sei "undemokratisch von oben" vorgegeben worden, was wohl stimmen wird. Die Gruppe stellt außerdem die Frage, warum es an der Universität Wien nicht weniger als acht Gleichstellungsbeauftragte gibt. Die Studenten wollen auch nicht mehr dazu angehalten werden, in ihren schriftlichen Arbeiten zu gendern. Entsprechende Vorgaben von Professoren lehnen sie "als Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft" ab.

Seit 2. Jänner prangen am Rektorat, am Audimax und an anderen strategischen Orten der Hauptuniversität Aufkleber mit dem Text "Gendern? Nein Danke!" Ich glaube, die "Taskforce" hat den Bogen überspannt.