Es gibt keine plakativen Symbole und Sinnbilder für die Technik des 21. Jahrhunderts. Sie fragen, wie ich darauf komme? Jeder weiß (zumindest annähernd), wie eine Dampflokomotive, ein Zwölfzylindermotor oder ein Unterseeboot aussehen - im Museum der Popkultur darf Letzteres sogar gelb sein. Damit lässt sich die Vergangenheit leicht dingfest machen. Aber die Gegenwart? Und der gegenwärtige Stand der Zukunft?

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Versuchen Sie mal, eine Künstliche Intelligenz zu zeichnen. Oder 5G, den neuen Standard für mobiles Internet, zu visualisieren. Oder hochauflösendes Fernsehen, egal ob 4 oder 8K aus der Streaming-Box in die Leuchtdioden jagen. Selbst das Internet ist - über allem schwebt eine wolkige "Cloud" - schwer zu greifen. Da tut man sich mit Weltraumteleskopen, Roboterstaubsaugern oder Kamera-Drohnen leichter. Aber selbst diese Objekte wirken in der alles durchdringenden digitalen Hemisphäre wie Relikte des Dinglichen, während die ihnen innewohnenden Schaltkreise und Algorithmen im Verborgenen blühen.

Beim angestrengten Nachdenken kam mir dann zufällig eine Abbildung unter, die wirklich zu denken gibt - und das in einem vergleichsweise banalen Verkaufskatalog für überteuerten (weil "innovativen") Schnickschnack. Auf Seite 18 der "Pro Idee"-Winterkollektion fand sich ein "Icaros Home" genanntes Gerät, das auf den ersten Blick mehr einer Kreuzung aus Foltergerät, Werkbank und Flugsimulator glich denn einem Hometrainer, den man sich freudig in den Fitness-Raum stellt. Man liegt bäuchlings auf diesem sechzig Kilogramm schweren Objekt, hat Arme und Beine von sich gestreckt und bleibt in alle Richtungen beweglich. Das ist auch gut so, denn per Virtual-Reality-Brille - der Ikarus-Apparat ist mit gängigen Sehprothesen von Samsung, Oculus oder HTC kompatibel - wird einem nun beispielsweise ein Flug über Schneegebirge oder ein Tauchgang in die Tiefen der Weltmeere vorgegaukelt. Da geht’s wirklich dreidimensional zur Sache - und man strampelt heftig auf dem Gestell, wie ich mir vorstellen kann (ich habe es nicht gewagt, ein Testgerät zu ordern). Der Werbespruch lautet: "Spielerisches Ganzkörpertraining mit dem Heimtrainer des 21. Jahrhunderts - 100 Prozent mehr Muskelaktivität, 30 Prozent höherer Kalorienverbrauch." Letzteres wird von der Technischen Universität München bestätigt. Nur der Schnaps, den man nach einer Trainingseinheit dringend braucht, schlägt in der Gesamtbilanz wohl negativ zu Buche.

Ganz egal, was diese Apparatur für einen Preiszettel trägt - allein die Tablet-Haltung kostet beim "Icaros Home" fast so viel wie ein Tablet selbst -, hier haben wir, was gesucht war: ein Sinnbild für den Status quo anno 2020. Der Mensch bäuchlings auf einer metallischen Erweiterung seiner Extremitäten, über Bewegungssensoren, Kabel und eine Computerbrille verbunden mit einer irrealen, doch energiezehrenden Welt. Das Ding ist nicht geeignet für Personen, die unter Epilepsie leiden. Und wohl auch jene, die klassischen Sagen ewige visionäre Gültigkeit zuschreiben.