Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur der Wiener Zeitung.
Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur der Wiener Zeitung.

Historisch gesehen war die Sache bis vor kurzem relativ klar. Wollte man in öffentlichen Verkehrsmitteln als Rüpel auffallen, empfahl es sich nicht nur, Leute anzustänkern oder den erhobenen Zeigefinger des Busfahrers zur Weißglut zu bringen, indem man den Ein- und Ausgang blockierte.

Auch das Aufdrehen eines heutigen Bluetooth-Lautsprechers namens Ghettoblaster auf Anschlag oder das Entweichenlassen von Rülpsern oder Flatulenzen in den geschlossenen Raum versprach diesbezüglich Erfolg. Vom Anheizen einer Zigarette oder verbalem Zündeln durch das Vertreten gewagter inhaltlicher Positionen einmal ganz abgesehen. Zugespitzte Meinungen in Gestalt dreister Provokationen waren ohnehin ganz vorn mit dabei, wenn es darum ging, dem gesellschaftlichen Miteinander oder zumindest der friedlichen Koexistenz so richtig hineinzugrätschen.

O tempora, o mores! Das hätte jetzt zumindest der alte Latein-Lehrkörper gesagt, denn: Öffentlich gestänkert wird nicht zuletzt im Ballungsraum Wien zwar nach wie vor mit großem Vergnügen, was selbstverständlich auch verbale Provokationen voraussetzt. Das Blockieren des Eingangsbereichs steht ohnehin hoch im Kurs, und auch aufgestoßen (es ist jetzt nicht von Türen die Rede) soll noch gelegentlich werden. Seit einiger Zeit lässt außerdem neuartiges Internetklumpert wie Videotelefonie oder Live-Streaming - natürlich ohne Kopfhörer - dem goldenen Wiener Zuagroastenherz so richtig schön das Geimpfte aufgehen.

Tatsächlich Punk ist es aber, im Jahr 2020 gegen sämtliche Gepflogenheiten und Vorschriften einen stinkerten Leberkas in sich hineinzustopfen oder sich einmal Kebab mit alles zu gönnen - während man sich etwa in der morgendlichen Rush Hour zwischen schlecht gelaunten Werktätigen befindet und selbst leistungsverweigernd den Weg aus der Vergnügungszone in Richtung Waagrechte nimmt.

Spätestens seit Montag allerdings wissen wir, dass Punk in den Wiener U-Bahnen nicht mehr zieht - es herrscht Disziplin: Nur 647 Ermahnungen anlässlich des Essverbots gab es im ersten Jahr seiner Existenz, was 1,8 Anlassfällen vulgo Delikten pro Tag in einer Stadt mit knapp 1,9 Millionen Einwohnern entspricht und nicht nur Ausschweifende mit Tagesfreizeit oder die radikale Fast-Food-Resistance inkludiert, sondern auch die Oma, der eine blöde Sache mit einer Topfentasche unterlaufen ist.

Echten Draufgängern bleibt aber immerhin noch das Flugzeug. Wer in unserer Flightshaming-Zeit ein Loch in die Atmosphäre schneidet, indem er um die Erde düst, darf dabei nicht nur essen. Er kann sich erste Klasse beinfrei sogar ein der Überfischung zuarbeitendes Menü inklusive Foie-Gras-Schweinerei hineinstellen. Das wäre dann aber wirklich der ultimative Albtraum - und das komplette "No Future"-Paket - der Generation Greta Thunberg.