Herzliche Gratulation zum runden Geburtstag, FM4! Mit einem Vierteljahrhundert am Buckel kann man nicht mehr von einem Teenager sprechen. Aber die Rolle als Störfaktor im nationalen Formatradio-Brei erfüllst Du immer noch gut.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Freilich: Ö1 ist das neue FM4. Mit diesem Spruch kann ich die Hörfunk-Intendantin des ORF gut ärgern - wobei ihr das eigentlich egal sein sollte, ist sie doch oberste Chefin beider Sender. Aber die flapsige Bemerkung, die zuvorderst eine - nämlich meine - persönliche Hör-Entwicklung widerspiegelt (wiewohl es Leuten meiner Generation ähnlich gehen dürfte, wenn ich etwa an Doris Knechts Ö1-Lobeshymne in ihrer "Falter"-Kolumne denke), verweist auf das Problem des Alters. Und damit inhärent auch auf das Problem erwünschter, erwarteter, geforderter Jugendlichkeit (und ihrer partiellen Absenz).

Es ist freilich ein Problem, das viel mit dem eigenen Denken und seiner Erneuerungsfähigkeit zu tun hat. Und einer Polarität, die arg klischeehaft behauptet wird, wenn nicht gar als notwendige Dichotomie eines Generationenkonflikts. Im (sowieso nur vermeintlichen) Jugendsender FM4 etwa sind es aber nicht selten in Ehre ergraute Leithammel, die immer noch und immer wieder für frische Impulse und wirkliche Geistesblitze sorgen. Als solchen würde ich einen kurzen Text des Donaufestival-Chefdenkers Thomas Edlinger klassifizieren, der als Beiwerk zur persönlichen Jahres-Hitparade der Sendung "Im Sumpf" recht unprätentiös daherkam. Aber er hatte es in sich. "Don’t Do It Yourself - Pop und künstliche Intelligenz" lautet der Titel dieses Essays, der die ungebrochen avantgardistische Rolle und Funktion von Musik im 21. Jahrhundert neu rekapituliert.

Der Rundumschlag reicht von Beethoven, dessen unvollendete zehnte Symphonie anno 2020 mittels maschineller künstlicher Intelligenz fortgeschrieben werden soll, bis zum generellen Verschwimmen und Verschwinden der getrennten Sphären von Mensch, Technik und Natur. Der Algorithmus verdrängt die - zutiefst menschliche - Künstlergenie-Inszenierung. Popkultur hat anno 2020 mehr mit Tesla, SpaceX, Elon Musk und, antagonistisch, Greta Thunberg am Hut als mit Dylan, Cave und Wanda. Dass Zeitgenossen wie (exemplarisch) Billie Eilish, Holly Herndon oder hierzulande Bilderbuch oder Mavie Phoenix künstlerisch instinktsicher auf die fluiden Positionen und, ja, Ängste ihres Zielpublikums reagieren und damit gültige Kommentare zur Weltlage abgeben, spricht für sie. Und für sich.

Aber ist Pop nicht längst tot? Jein. Das spielerische, subversive Element, das alle Jugendkulturen - abseits einer zwingenden Alterszuordnung - auszeichnet, wird heute dringender gebraucht denn je. Andererseits ist auch hier die Formatierung, industrielle Bewirtschaftung und Ausschlachtung inzwischen mehr Teil des Problems als Teil der Lösung. Die Künstlerstimmen, die so weit gehen, von "faschistischen Privilegierten aus dem Silicon Valley" zu sprechen (und damit auch Spotify & Co. meinen), habe ich auf FM4 noch nicht vernommen. Selbst auf Ö1 nicht. Oder hab’ ich sie bislang bloß überhört? Klar ist: Auf Radio Austria oder in Servus TV werden sie eher nicht zu Wort kommen.