Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben", schrieb der Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769- 1859). Zu welcher Weltanschauung aber gelangt man, wenn man im Urlaub ausschließlich dem Vergnügen frönt? Zur Erkenntnis, wie herrlich die Welt sein kann?

Ja, aber mittlerweile gilt ein Erholungsurlaub schon fast als geistloses Kopf-in-den-Strandsand-Stecken: Die Angebote der Reiseveranstalter zeigen dekadente Fotos von Orten, wo das blaue Meer in den blauen Himmel mündet und Palmen an exotischen Stränden sich untertänig vor Devisenbringern verneigen. Für ein derart oberflächliches Ziel auch noch ein Flugzeug besteigen?

Der aufstrebende "Dark Tourism" hat diese Ambivalenz erkannt und bietet Reiseziele mit dunkler Geschichte an. Ein Ausflug in die Sperrzone rund um Fukushima oder in ehemalige Kriegsgebiete zum Beispiel. Wenn es dabei nicht um Sensationsgier, sondern um Empathie geht, mag das eine gute Übung in Humboldt’scher Weltanschauung sein, selbst dann, wenn man mit dem Flugzeug anreist. Der Ruf des Tourismus wird dadurch dennoch nicht verbessert, denn inzwischen scheinen Urlaubsreisende in der öffentlichen Wahrnehmung allesamt dreiste Dunkel-Touristen zu sein, welche die Welt wie Trampeltiere durchpflügen und überall ihre Spuren hinterlassen: Plastikmüll, unnötige CO2-Ausstöße oder dumme Sprüche in Gästebüchern.

Das schlechte Gewissen reist deshalb immer mit. Dafür kann man sich zwar nichts kaufen, aber man ist bereit, zu zahlen. Die schönsten Reiseziele sind nämlich willfährige Opfer. Wer Venedig noch einen letzten Besuch abstattet und an dessen Untergang mitwirkt, zahlt trotz Eintrittsticket mit jedem Kaffee weit überhöhtes Bußgeld. Allerdings nicht ohne Murren. Und so verlieren in der Spirale der Ausnützung allmählich Reisende und Gastgeber allerorts die Achtung voreinander.

Manchmal schämt man sich auch selbst, dem "Touristenmob" anzugehören. Als ich vor kurzem einen Ort des "Dark Tourism" besuchte, das Holocaust-Mahnmal in Berlin, war ich irritiert, als sich dort eine Gruppe Touristen auf die Stelen setzte und Jausenbrote auspackte, während die Kinder zwischen den Betonquadern herumtollten. Obwohl Architekt Peter Eisenman das für okay befindet, befragte ich im Geiste die Opfer: "Was haltet ihr davon?" Sie waren, so stellte ich mir vor, unterschiedlicher Meinung.

Während die einen im Andenken an ihr Schicksal Achtsamkeit einforderten, freuten sich die anderen über das sprühende Leben an der Gedenkstätte. Dann aber erzählten die Eltern ihren Kindern, aus welchem Grund das Mahnmal errichtet wurde, und die Kinder hörten aufmerksam zu. Das schlechte Gewissen war demnach gar nicht so angebracht. So hat der "Dark Tourism" auch seine erhellenden Momente.