Die erschütternden Bilder aus den Konzentrationslagern, die anlässlich des Gedenktages am 27. Jänner im Fernsehen zu sehen waren - machen mich jedes Jahr betroffen. Wie konnte es passieren, dass diese Vernichtungsideologie salonfähig wurde? Wie können heute noch manche sagen: Reden wir nicht mehr darüber, es ist ja schon so lange her!

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Wir müssen weiterhin darüber reden - und dabei die richtige Sprache verwenden. Es macht mich wütend, wenn ich lese: Der Jude xy ist in einem Konzentrationslager "umgekommen". Umgekommen? Was soll das heißen? Er wurde "ermordet"! Auch wenn er aus Entkräftung sein Leben ließ oder an Typhus starb. Auch wenn er das KZ überlebt hat und Jahre später an den sprachlich kaum zu fassenden physischen und psychischen Qualen gestorben ist.

Es stimmt schon: Angesichts der unvorstellbaren Grausamkeiten versagt uns oft die Sprache. Aber wir sollten die Dinge beim Namen nennen und aussprechen, was war - und was ist. Denn der Antisemitismus ist längst nicht im Keim erstickt, er lebt weiter in Taten und in Gedanken. Jüdische Gräber werden geschändet, Kippa-Träger werden angepöbelt, die "Liederbuchaffäre" der FPÖ wird verharmlost. Es wäre schön gewesen, wenn Sebastian Kurz der FPÖ nicht wegen "Ibiza" die Koalition aufgekündigt hätte.

Wenn wir über die mit industriellen Methoden durchgeführte Vernichtung von rund sechs Millionen Juden reden, dann stehen uns dafür zwei Wörter zur Verfügung: Holocaust und Shoah. Ich habe an dieser Stelle vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass die Wörter das Gleiche meinen, es aber auf verschiedene Weise ausdrücken. Das griechische holókaustos bedeutet so viel wie "vollständig verbrannt". Es hat sich ursprünglich auf die in der Antike verbreitete religiöse Praxis der Verbrennung von Opfertieren bezogen. Dafür verwendete es erstmals der Historiker Xenophon, dann auch die griechische Bibelübersetzung, die Septuaginta. Martin Luther übersetzte den Ausdruck mit Brandopfer. Der erste Beleg im Englischen stammt aus einer Ausgabe der Tageszeitung "News Chronicle" vom Dezember 1942. In der angelsächsischen Geschichtswissenschaft ist er seit 1945 gängig. Seit der Fernsehserie "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiß" von 1979 wird der Begriff auch im Deutschen verwendet - in englischer Schreibweise.

Das hebräische Wort Shoah (= Unheil, Katastrophe, Heimsuchung), betont auf dem o, steht ebenfalls für die Judenvernichtung. Es bürgerte sich in Westeuropa vor allem wegen des Dokumentarfilms "Shoah" von Claude Lanzmann aus dem Jahr 1985 ein. Unter den Juden und in Israel ist der Begriff im Zuge der langen Geschichte der Judenfeindlichkeit und der damit verbundenen Pogrome schon vor der Judenvernichtung durch die Nazis geläufig gewesen. Der Ausdruck ging daher in die Unabhängigkeitserklärung Israels von 1948 ein. Das Wort Holocaust lehnen viele Juden ab, weil es sie in eine Opferrolle drängt. Es erweckt den Eindruck, dass der Judenverfolgung ein positiver religiöser Sinn gegeben werden kann. Es wäre daher schön, wenn die Regierung am 27. Jänner 2021 nicht der Opfer des "Holocaust" gedenkt, sondern an die Opfer der "Shoah" erinnert.