Es ist gerade einmal eine Woche her, da habe ich die österreichische Pop-Band Bilderbuch gelobt. Dafür, dass Maurice Ernst (so heißt ihr Sänger, sein Bild hängt eventuell im Kinderzimmer Ihrer Tochter) und seine Mitstreiter "künstlerisch instinktsicher auf die fluiden Positionen und, ja, Ängste ihres Zielpublikums reagieren." Punkt. Ich bitte das Selbstzitat zu entschuldigen. Eventuell mehr noch aber den leisen Zweifel an meinen eigenen Worten, der im weiteren Verlauf dieser Kolumne Raum greifen wird. Bin ich plötzlich kein Bilderbuch-Fan mehr?

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Oh, doch. Aber ich war tatsächlich etwas verwundert, als mir dieser Tage ein weiteres Gastspiel der Local Heroes in einer der symbolträchtigsten Immobilien des Landes, dem Schloss Schönbrunn in Wien, angekündigt wurde. Waren Bilderbuch da nicht erst im Sommer letzten Jahres aufgetreten, Open Air, an gleich zwei Abenden, vor tausenden Fans und heftig umjubelt? Ich war ja selbst vor Ort - und sah meine Einschätzung, es handle sich um den besten Live-Act des Landes, lustvoll bestätigt. Das 2020er-Schönbrunn-Gastspiel aber war eine exklusive Angelegenheit. Es fand vor wenigen Tagen im malerischen Schlosstheater statt, und es wohnten dem Ereignis auch nur 400 Gäste bei. Vor Ort. Denn A1 alias die Telekom Austria hatte die Band und den Saal gemietet, um ihre 5G-Offensive zu bewerben - und streamte das Konzert folgerichtig auf empfangsbereite Handys. Ob da schon auch welche dabei waren (und sei es nur zu Testzwecken), die die fünfte Generation des Breitband-Datenfunks - dafür steht das Kürzel 5G - nutzen konnten, blieb mir verborgen. Ich bin zugegebenermaßen auch kein A1-Kunde.

Was aber sollte man dagegen haben, dass eine erfolgreiche und imageträchtige heimische Pop-Band das Zukunfts-Asset der Telekommunikations-Giganten verkaufen hilft? Zumal diese Technologie, die die Internet-Durchdringung jedes Haushalts und jedes Smartphones enorm beschleunigt, ja zurzeit eines der meistgetrommelten Schlagworte für die schöne, neue Welt von morgen ist. "Mit dem 5-Giganetz beginnt nicht nur für A1 eine neue Zeitrechnung", so der Telekom-Direktor für Transformation & Marketing Communications. "Ganz Österreich profitiert von der Kombination aus größtem Glasfasernetz und schnellster 5G-Technolgie. Es macht das Netz zum Echtzeit-Internet mit nie dagewesenen Bandbreiten und kürzeren Latenzzeiten zum Surfen, Streamen und Gamen."

Ende der Werbedurchsage. Der Mann hat ja nicht unrecht, und der Bilderbuch-Song zur Werbekampagne ist zwar etwas kurios gewählt ("You cool me down, Mister Refrigerator"), aber im Zeitalter der klebrigen Ironie durchaus passend. Was hier aber offensiv verschwiegen wird: Die Technologie ist nicht unumstritten. Ganz und gar nicht. Es gibt jedenfalls jede Menge Experten, die vor der erhöhten Strahlenbelastung der fünften Mobilfunk-Generation warnen. Und, Fakt: Wirklich in der Praxis erforscht ist diese Höher-Schneller-Weiter-Datenschleuder nicht. Wir alle sind Versuchskaninchen. Nun neige ich nicht Verschwörungstheorien zu. Was mir mein Instinkt sagt (und ich habe nicht extra bei Greta nachgefragt), ist lediglich, dass Höher-Schneller-Weiter nicht mehr im Trend liegt. Jener von Bilderbuch wurde eventuell von einem fetten Scheck zum Schweigen gebracht.