Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

"Wichtiger als der Ort, zu dem du gehst, ist die Person, als die du kommst. Deshalb dürfen wir keinem Ort unser Herz schenken. Mit dieser Überzeugung muss man leben: ,Ich bin nicht für irgendeinen Ort geboren, meine Heimat ist die ganze Welt.‘"

So schön formuliert Seneca in seinem 28. Brief an Lucilius über den "Wert des Reisens" den starken Gedanken, dass es eigentlich egal wäre, wo man sich aufhält. Solange es einem nicht gelinge, sich der eigenen Dämonen zu entledigen, meint der römische Stoiker, fühle man sich an keinem Ort wirklich wohl.

Tatsächlich können die Geister, die uns in die Ferne treiben, ganz schön lästig sein. Und so mancher, der eine lange Reise tut, findet am anderen Ende der Welt auch nur wieder sich selbst (wenngleich mit Sonnenbrand). Nichtsdestotrotz irrt der Philosoph, wenn er behauptet, dass der Ort, an dem wir leben, keine Wichtigkeit hätte.

Nehmen wir meine Wohnung, in der ich - mit einigen Unterbrechungen - nun schon seit mehr als zwanzig Jahren lebe. Hier habe ich geweint, geliebt, gefeiert, gelacht, geträumt, mich gelangweilt, habe die schönen und die verzweifelten Momente durchlebt. Das volle Spektrum an Gefühlszuständen übrigens beim Anbohren der alten Mauern. Die Löcher blieben immer zurück. Nicht aber die zu hängenden Gegenstände. (So fiel mein Reiserad samt Halterung bereits nach wenigen Sekunden wieder von der Wand und riss brutal aussehende Wunden in die Außenmauer der Toilette.)

Heute hat sich meine damalige Wut darüber längst in milde Nostalgie verwandelt. Wohnlichkeit hat mit dem objektiven Zustand der Wohnung eben erstaunlich wenig zu tun. Die Duschwand kam bereits vor geraumer Zeit herunter. Reparaturen, die viel zu lange anstehen. Immerhin habe ich das Gänsefett von der Wand entfernt, das ein guter Freund dorthin ergoss, als er den Bräter aus dem Backrohr heben wollte und sich dabei an den Griffen verbrannte.

Richtig beschleunigt hat sich der Prozess des Abwohnens, seit der kleine Mann durch die Wohnung tobt. In jedem Winkel hinterlässt er seine Spuren: getrocknete Knetmasse, Lego-Bausteine, Erdnüsse. Dass viele Schichten Farbe auf altem Mauerwerk nicht besonders gut halten, stellte der Kleine schon früh fest. Kaum konnte er sich erheben, begann er, von den Wänden die Farbe zu zupfen. Im Schlafzimmer legte er binnen Sekunden einen Anstrich aus den 1940er Jahren frei.

Seneca mag recht haben: Vielleicht ist keiner für irgendeinen bestimmten Ort geboren. Aber Heimat ist der Ort, an den sich die meisten unserer Erinnerungen knüpfen. Vielleicht dürfen wir keinem Ort unser Herz schenken. Aber hin und wieder sollten wir ihm eine Renovierung spendieren.