Auch gescheite Menschen sind nicht davor gefeit, einmal etwas Dummes zu sagen. Und jetzt ist es dem erfolgreichen und angesehenen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg passiert. Winfried Kretschmann, der erste Grüne, der dieses hohe Amt in einem deutschen Bundesland erklommen hat, äußerte sich zum Rechtschreib-Unterricht in der Schule: "Jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage, aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben." Es gebe ja "kluge Geräte", die Grammatik und Fehler korrigieren, meinte Kretschmann, der früher als Chemielehrer tätig war. "Ich glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt zu den großen, gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Den Grundtenor der Reaktionen von politischer Seite und im Internet kann man sich vorstellen. Nach einer repräsentativen Umfrage des Allensbach-Instituts betrachtet die Mehrheit der Deutschen "eine gute Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik" als das wichtigste Lernziel, gefolgt von "Allgemeinbildung" und "Pünktlichkeit". Erst auf Platz vier kommen "Englischkenntnisse."

Merkwürdig erscheint mir die Ansicht, dass die Rechtschreibung nur dann eine Rolle spielt, wenn man mit der Hand schreibt. Denn die "klugen Geräte", die Fehler in der Rechtschreibung und in der Grammatik beseitigen sollen, funktionieren nach wie vor mehr schlecht als recht. Zwar ist die Identifikation von Fehlern in den letzten Jahren besser geworden, sie liegt aber weiterhin weit entfernt davon, dass man sich gänzlich darauf verlassen könnte. Experten sagen: Trotz neuer Verfahren mit der Technik Machine-Learning werden immer noch nur etwa zwei Drittel der Fehler erkannt. Wenn es auf den sprachlichen Kontext ankommt, sind die Programme überfordert. Die Schüler brauchen also auch deshalb gute Rechtschreibkenntnisse, weil sie die mangelhaften Ergebnisse der "klugen Geräte" überprüfen und korrigieren müssen. Und viele Firmen legen noch heute Wert darauf, dass Bewerbungsschreiben handschriftlich verfasst werden.

Aber Kretschmanns provokative Stellungnahme hatte auch etwas Gutes. Es kam zur Sprache, dass immer weniger Texte handschriftlich verfasst werden und die Schüler speziell gefördert werden sollten, eine schöne Schrift zu entwickeln. Deutsche Pädagogen berichten, dass viele beim Schreiben zu viel Kraft aufwenden und sich verkrampfen. Dadurch sind sie nicht in der Lage, die Buchstaben gut zu formen. Schon eine Stunde Handschreib-Förderung in der Woche würde ausreichen, die Schreibmotorik zu verbessern. Dies wäre auch ein Begleitprogramm zu den an sich richtigen Bestrebungen, alle Schulen mit Wireless LAN und alle Schüler mit Notebooks auszustatten.

Wobei ich zugebe, dass das Schreiben mit der Hand auch bei mir ein Manko ist. Sogar die Einkaufszettel tippe ich in mein Smartphone ein. Und wenn ich auf ein Billet einige Zeilen mit Glückwünschen schreibe, dann denke ich mir: "Meine Schrift war auch schon einmal schöner!" Das Schreiben mit der Hand ist ein wichtiges Kulturgut. Ab sofort wird wieder öfter mit der Hand geschrieben!