Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Unlängst präsentierte ein Zukunftsforscher seine Vorstellungen von Tourismus im Jahr 2040. Da hieß es: Gesichtserkennungssysteme würden Pass und Bordkarte ersetzen und auch im Hotel ihre Dienste versehen, kabellose Kopfhörer im Ausland für simultane Übersetzung sorgen, superschnelle Züge per Internet gesteuert, und Kreuzfahrten würden nachhaltiger sein und Ziele in der Antarktis und auf Madagaskar ansteuern; am Bestimmungsort angelangt, würden Ausflüge in Drohnen und selbstfahrenden Taxis unternommen. Und wer genügend Geld hat, besucht den Mars oder umrundet den Mond.

Wir treten zunächst einen Schritt zurück und betrachten diese geballte Ladung an Turbotechnik in aller Ruhe: Ein wenig erinnert dies an die Artikel, die vor rund fünfzig Jahren, in rührendem Schülerzeitungsstil verfasst, in der bedingungslos fortschrittsgläubigen Zeitschrift "Hobby" zu lesen waren. Womit nicht gesagt sein soll, dass nicht einige dieser 2040-Visionen eintreffen könnten: Drohnen und "autonom" fahrende Autos gibt es schon, Ohrstöpsel auch, und Fahrten in die Antarktis werden ohnedies bereits angeboten - auch wenn sich die Frage stellt, was an Kreuzfahrten nachhaltig sein soll, selbst wenn die Schiffe einmal mit Flüssigerdgas angetrieben würden. Aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

Trotzdem sei die Frage erlaubt, wo sich denn bei all dem Wust an Wunderdingen das Überraschende einer echten Reise finden soll. Wenn der Urlaubsort bereits zur Hälfte virtuell erkundet wurde, die Worte eines Gesprächspartners "in Echtzeit" ins Ohr übersetzt werden und die Kleidung am Ankunftsort aus dem 3-D-Drucker kommt. Ganz zu schweigen vom zunehmend gläsernen Menschen, der per Gesichtserkennung vom Flughafen ins Hotelzimmer weitergereicht wird.

Wo bleiben die witzigen Reiseerlebnisse, die daraus entstehen, dass man die Sprache des Urlaubslandes nur unvollkommen beherrscht und im Restaurant ein Gericht vorgesetzt bekommt, das man nie und nimmer bestellen wollte, das aber zu Hause mit Begeisterung nachgekocht wird. Und wen muss man überhaupt noch nach einem guten Restaurant fragen, wenn die Augmented-Reality-Brille das alles bereits während des Stadtrundgangs berichtet hat. Aber vielleicht sind diejenigen, die sich im Jahr 2040 zu Flughafen oder Bahnhof begeben, an Überraschungen nicht mehr in demselben Ausmaß interessiert wie die Generationen vor ihnen. Vielleicht wird dann eine Reise zum Mars wirklich das einzige wahre Abenteuer sein.

Gesichtserkennung ist mir übrigens bestens vertraut: Ich betrete ein Hotel und der Besitzer, der mich seit Jahren kennt, begrüßt mich mit Namen. Und für die darauf folgende Konversation braucht keiner von uns beiden einen Übersetzungskopfhörer. So dann noch reale Menschen in Hotels anzutreffen sind, gibt es das im Jahr 2040 vielleicht auch noch. Lassen wir uns überraschen.