An der Kasse des Drogeriemarkts saß jahrelang eine stets freundliche und nicht nur deswegen eher auffällige Dame: Meine Lieblingskassiererin war auch im Sitzen groß und schlank. Alles an ihr war lang: die Finger, die Nägel, das Gesicht und die Haare. Die Fingernägel hatte sie stets mit einem vielleicht eine Spur zu hellen Rot bemalt. Die Haare waren gnadenlos blauschwarz gefärbt. Dieses Schwarz war viel zu hart für ihr Gesicht. Das Rot auf den Nägeln wirkte (wie die zahlreichen Ringe) wie ein Hinweisschild auf die altersbedingt leicht verdickten Fingergelenke.

Sie trug üppige Mengen von Modeschmuck mit hohem Glitzerfaktor. Aber ich schaute sie dennoch gern an. Denn sie war trotz ihrer ästhetischen Radikalismen eine Freude: Frau V., den Namen weiß ich von dem Schild an ihrer Bluse, tat ihre Arbeit gern. Sie redete mit den Kunden, wenn die reden wollten, und schwieg, wenn diese einen großstädtisch-anonymen Kauf bevorzugten.

Seit ein paar Wochen ist Frau V. nicht mehr da. Beim ersten Mal dachte ich, sie habe vielleicht Urlaub oder nur die Schicht gewechselt. Seit aber an ihrer Stelle eine junge Frau sitzt, die wie ihre um vierzig Jahre jüngere Wiedergängerin aussieht, ahne ich, dass ich fürderhin ohne Frau V. auskommen werde müssen. Das geht jetzt reihum so. Alle machen sich auf in die Altersteilzeit und in die Pension. Zwar vergönne ich ihnen das Mehr an Zeit und Ruhe, andererseits geht mir das sehr gegen den Strich, dass sich mein gewohntes Leben von den Rändern her aufzulösen beginnt. Sie gehen mir ab, all die Menschen, die mich Jahre und Jahrzehnte begleitet haben. Man hält sich selber ja stets für jünger, als man es ist. Wenn aber die anderen einem mit ihrer Pensionierung unnachgiebig den Lauf der Welt aufzeigen, dann kann man das nicht ignorieren.

Von einem Tag auf den anderen verlor ich im Bioladen meinen Stammkundenbonus, weil niemand mehr da war, der mich kannte. Ich wollte ein Packerl Sesamkörner umtauschen, weil ich beim Aufschneiden eine Mehlmottenkolonie im Raupenstadium darin gefunden hatte. Die Neue, die an die Stelle von S. getreten war, wollte vor dem Umtausch eine Rechnung von mir sehen. Ich könnte die Körner ja anderswo gekauft haben, meinte sie. Ich fragte, wer, bitte, bewahrt denn Rechnungen für Sesamkörner auf?

Sie belehrte mich, das müsse ich, das Gesetz sehe das vor. Sie würde nichts mehr aus Kulanz umtauschen. Man behandelte mich sozusagen als Mischung aus Betrügerin und beschränkt Zurechnungsfähiger. Und was mache ich? Ich suche mir ein neues Geschäft und versuche mich noch ein letztes Mal zur Stammkundin hinaufzuarbeiten.