Fahren Sie gern in den Urlaub? Ja? Dann fahren Sie besser nicht nach Großarl. Denn wenn Ihnen dort etwas passiert, dann sind Sie damit dort alleine. Denn Großarl hat keinen Sprengel-, Feuerwehr- oder Bergrettungsarzt mehr. Der hat nämlich seinen Job hingeschmissen. Ebenso wie der Geschäftsführer der Bergbahnen in Großarl. Und die Bergbahnen in Großarl können pro Stunde 29.000 Menschen in die Berge transportieren. Und das bei 3805 Einwohnern.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Aber es gibt ja noch die Skifahrer von außerhalb. Die schlafen nachts gern mal auf der Piste. Denn sie haben ein bisschen was getrunken. Oder sie "fahren" im selbigen Zustand den Berg hinunter. Oder kriechen. Auf jeden Fall sind sie sehr gut drauf. Kein Wunder, kommen ja von einem der größten kulturellen Ereignisse, die die alpinen Regionen Europas zu bieten haben: dem Après Ski. Und sind daher ang’soffen. Und zwar bis oben hin.

Denn das ist das Geschäftsmodell der Wintersportindustrie: Saufen bei guter Luft und schöner Aussicht. Das "umwerfende Panorama" ist doppelsinnig. Gerade jetzt ist ja jene Jahreszeit, in der der interessierte Zeitgenosse sehr gut gelaunte Holländer aus einem Zug der ÖBB taumeln sehen kann, vollbepackt mit Ski und Snowboards und den wichtigsten deutschsprachigen Ausdrücken: "Wahnsinn! Passt schon! Freibier! Bist Du deppat! Kevin ist der Reiseleiter!", dröhnt es auf dem Bahnhof. Unser Beitrag zur europäischen Kultur. Aber das muss so sein.

Im ORF ist dieser Tage eine Doku gelaufen mit dem schönen Titel "Snow Business". Und darin hat ein gewisser Günther Aloys aus Ischgl, der seinen Beruf mal mit Hotelier, mal mit Touristiker, aber auch mit Visionär angeben lässt, zum Besten gegeben, worin er die Geschäftsfelder in den Bergen sieht: "Wir sind im Emotional Business, wir sind im Entertainment-Business hoch 10, wir müssen alles bieten, was nur irgendwie möglich ist." Und das sind nicht nur leere Worte, der Mann ist schließlich auch Betreiber eines "Entspannungsstudios" mit dem Namen "Karma" und wurde deswegen in einem Prozess wegen Zuhälterei freigesprochen. So jemanden ficht so schnell nichts an. Der Klimawandel? "Wir haben heute schon 1200 Schneekanonen, dann haben wir eben 5000 Schneekanonen. Wir bauen uns unseren eigenen Gletscher! In der heutigen technischen Zeit können wir alles tun!" Beruhigend. "Wenn man die Alpen als insgesamtes sieht, dann ist das der aufregendste Entertainmentpark in Europa."

Na, dann ist der Bundeskanzler von Österreich so etwas wie ein Zirkusdirektor. Da nimmt man es schon hin, dass die ganzen schönen Skipisten Murenabgänge fördern, weil bei Regen das Wasser ins Tal schießt, Sedimente mitnimmt und im Tal dann die Hochwassergefahr steigt.

Was sagt der Visionär aus Ischgl dazu? "Alles was von oben nach unten gleitet, driftet, fliegt, rutscht, fährt... ist gut." Genau. Da stört es auch niemanden, wenn das Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung sagt, dass in 50 Jahren von 150 Wintersportorten in Österreich genau noch sieben überleben werden. Sieben.

Macht nichts. Ein anderer Österreicher baut nämlich schon ein neues Skigebiet. In Lesotho. Südliches Afrika. Also: Skifahren bis der Arzt kommt!

Wenn es denn einen gibt.