"Stille Kränkung für die Ewigmorgigen: Die nichtdigitale Welt ist immer noch da." Über diesen nicht ungewitzten Denkspruch des Chefwelterklärers Peter Glaser kann man lange grübeln. Oder ihn kurzerhand auf sein eigenes Tagwerk umlegen: Manche Wesenszüge unseres Daseins lassen sich - noch? - nicht in Nullen und Einsen zerlegen, in eine App packen oder einem Algorithmus überantworten. Musik beispielsweise ist längst zu einem digitalen Fluidum geworden, das keiner altertümlichen Tonträger mehr bedarf - aber es braucht immer noch dingfeste Membranen oder sonstige auf elektrische Signale reagierende Schallwandler, um sie hören zu können. Diese stecken üblicherweise in Kopfhörern oder Lautsprechern, und selbst wenn es sie mittlerweile in Mini- und Mikro-Bauform gibt, lassen sich physikalische Grundprinzipien nicht einfach umgehen. Etwa jenes, dass - ich komme jetzt direkt zur Sache - Basstöne aus großen Boxengehäusen natürlicher, mächtiger und glaubwürdiger ertönen als aus, hm, schlankeren oder gar winzig kleinen Lautsprechern (wie sie zum Beispiel im Laptop stecken, mit dem ich gerade die Spotify-Playlist "Das schönste Lied der Welt" höre). Das Thema also: Lautsprecher. Es scheint tatsächlich gerade ein erstaunlicher Retro-Virus in der HiFi-Welt umzugehen - eine Art analoger Pendel-Gegenschlag zur allseits grassierenden Digitalisierung. Aktuelle Lautsprecher-Modelle wie die JBL L100 und L82 Classic, Heco Direkt oder Yamaha NS-5000 sehen nicht nur irgendwie "klassisch" aus - sie sind es. Und dann auch wieder nicht. In Gehäusen, die den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts entsprungen sein könnten, steckt moderne Technik. Doch allein der Blick auf das Volumen verheißt Wohlklang. Und dann wäre da noch der aktuelle Bestseller des britischen Traditions-Herstellers Wharfedale: die Linton Heritage. Vintage zum Quadrat. Man wähle Wahlnuss- oder Mahagoni-Furnierung, klassische Ständer wie im BBC-Studio, dazu kommt frei Haus ein Look, den es fast unverändert seit 1965 gibt. Ich las verzauberte Berichte über beste Audio-Qualitäten bei einem mehr als verblüffenden Paarpreis von knapp eintausend Euro. Und dann holte ich mir die Quader selbst ins Haus.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Was soll ich sagen: Ich habe sie behalten. Selbst im direkten Vergleich mit den - auch wirklich guten - Neat Ekstras, über die ich in der Vorwoche berichtet habe, stanken die Neo-Klassiker nicht ab. Im Gegenteil. Dabei kosten Erstere knapp dreimal so viel. Zum Test standen These und Antithese: Hier eine schlanke Säule mit Bändchenhochtöner und gefinkelter Bass-Kanalisation, da die konservative Konstruktion, die optisch auch meinem Großvater kein Kopfzerbrechen bereitet hätte. Ihre auch akustische Stimmigkeit ist tatsächlich ein Hammer. Es überkam mich eine gewisse Rührung, zumal ich jahrzehntelang in punkto Lautsprecher den Spruch "Volumen kann durch nichts ersetzt werden" im Mund geführt hatte. Und ihn nun einmal mehr fabriksneu! bestätigt bekam. Alea iacta est, wie schon die Lateiner sagten. Meine unkorrekte, aber vollmundige Übersetzung lautet: Die Brüllwürfel finden Gefallen.