Die Krankheit adelt den Menschen, sie macht ihn zu etwas Besonderem, das hoch über den Sphären des Gesunden schwebt. Diese Gedanken hat sinngemäß Thomas Mann aufgeschrieben, der nicht nur krank, sondern auch Hypochonder war. Ich persönlich wäre lieber gesund als adelig. So wie alle anderen auch hier in der Anstalt. Die Krankheit verbindet. Das stimmt wahrscheinlich eher. Klingt nur weit weniger poetisch.
Krankheit verbindet. Zum Beispiel in der geduldig ertragenen Wut auf die Sozialversicherung. Zwischen Früchtetee und Unterwassergymnastik raunen sich die Patienten Geschichten von Chefarztterminen zu, die viel zu gut sind, um einfach nur erfunden zu sein. Meine Lieblingsgeschichte hat mir mein Tischnachbar beim Frühstück erzählt. Mein Tischnachbar beim Frühstück hat schon zwei Operationen hinter sich. Was ihm der Chefarzt von der Versicherung nicht glauben wollte. Die Narben wären viel zu klein für zwei Operationen, befand der Chefarzt von der Versicherung. Die gute Arbeit der Operateure war nicht von Belang. Dieses Argument wurde erst sehr viel später gehört.
Ich werde bei der Versicherung unter dem Vermerk "jähzornig und aggressiv" geführt. Das weiß ich von der Dame am Telefon. Die Dame am Telefon war keine Ärztin. Auch keine Psychologin. Sie war die Sachbearbeiterin. Und ich war kein Patient. Ich war der Fall. "Jähzornig und aggressiv" steht in den Aufzeichnungen der Sachbearbeiterin und das wirft sie mir nach kurzer Diskussion um meinen Rehab-Termin auch nicht gerade unjähzornig und unaggressiv um die Ohren. Einerseits würde mich interessieren, was der Datenschutz zu solchen Aufzeichnungen sagt. Andererseits ist mir das eh schon längst zu blöd. Krankheit hat einen Vorteil. Man sieht das Leben klarer. Der Dreck verblasst.
Wahrscheinlich sollte man die Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen der Sozialversicherungen, die Chefärztinnen und die Chefärzte regelmäßig inkognito auf Kur schicken. Da würden sie im Trainingsanzug beim Frühstück sitzen wie alle anderen auch und lernen, dass sich das Leben in keine Tabellen pressen lässt. Thomas Mann hatte keine Ahnung von der österreichischen Sozialversicherung. Das schmälert seine Expertise. Aber der Dichtung tat es gut.