Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mieming, Tirol.

Wir haben uns in der Schirmbar an der Talstation verabredet, wo wir auf unsere Freunde warten, die den Skitag bis zum Schluss ausnützen wollen. Sich mit Blick auf die schöne Winterlandschaft ruhig zu unterhalten, ist hier wegen der markerschütternden Lautstärke unmöglich. Die Bestellung muss man der Barfrau ins Ohr schreien, die dann dreimal das Falsche zurück schreit.

Dennoch scheinen alle von der Szenerie restlos begeistert zu sein, inklusive Wolfgang Ambros, der aus den Lautsprechern verkündet: "Schifoan is des Leiwandste, wos ma si nur vorstell’n kann." Mit einigen Einschränkungen würde das vielleicht auch der Mann bestätigen, der soeben von den Pistenrettern im Akja zur Talstation gebracht wurde und schmerzverzerrt auf den Abtransport wartet.

Ein Schmerzmittel könnten auch wir gut gebrauchen. Oder zumindest ein Medikament, das gegen Panikattacken bei einem Angriff von Hitmonstern hilft, denn Wolferl Ambros wurde inzwischen mundtot gemacht und durch Kernigeres ersetzt. Schnaps hilft dabei, es besser zu verdauen, denn die Leute um uns sind ganz eins mit sich und der Welt und brüllen lautstark mit: "Hör ich die Berge shouten, kann ich mich endlich outen, Baby, ich will Ice!" Sobald eine Hymne verklingt, wird ein neuer Hit angestimmt: "Die Sonn’ geht auf, ich pack die Ski. Die Piste ruft so geil wie nie." Oder, als vorläufiger lyrischer Höhepunkt: "Saufi, Saufi, ich feier’ richtig hart, ich bin ein Saufautomat!"

Irgendwann verknappt sich der Text weiter zur drastischen Quintessenz: "Unter 5 Prozent ist kein Alkohol!" Und: "Wir wollen saufen!" Dem unfrommen Wunsch folgt ein rhythmisch-kategorischer Imperativ: "Sauf, sauf, sauf!" Da werden sich die Pistenretter freuen, wenn sie am Feierabend auf und neben den Pisten wieder die Verirrten und Verletzten einsammeln dürfen. Aber so lange müssen sie gar nicht warten. Draußen vor der Bar wird bereits der nächste Verunfallte antransportiert, bald gefolgt von einer verletzten jungen Frau, noch gezeichnet vom Schock. Ihr tränenüberströmtes Gesicht versucht verzweifelt, den Tröstungen der Retter Glauben zu schenken, dass alles wieder gut wird.

Einige der Umstehenden filmen mit Handys ihren Abtransport mit - entweder um den Rettungs-Ablauf für eine spätere Klage zu dokumentieren, oder aus purer Sensationslust. Mit der bösartigen Ironie des Zufalls ertönt dazu als Untermalung in der Schirmbar ein ursprüngliches Arbeiter- und Protestlied, das ebenfalls einem gewaltsamen Crash ausgesetzt war: "Am nächsten Morgen, das schöne Mädchen war nicht mehr bei mir. Sie war verschwunden, mein Herz gebrochen. Oh bella ciao, bella ciao, bella, ciao, ciao, ciao!"

Danach besinnt man sich musikalisch auf kleinere Alltagsschwierigkeiten. "Wir fahren in die Berge, ja, wir fahren in die Berge, und der ganze Bus muss Pipi ... Leider haben wir nur ein WC im Bus, doch der ganze Bus, der muss, muss, muss ..." Wir müssen jetzt auch. Dringend. Von hier verschwinden!