Gleich in der Früh kommt das Gerücht auf, dass der Kurapotheker einen erstklassigen Rum zusammenbraut. Nach uralter Rezeptur. Quasi so geheimnisvoll wie die Absprachen beim Eurofighter. Quasi so alt wie das Salz, das hier aus den Bergen kommt. Kräutertee und Hustensaft und Hautsalben hat der Kurapotheker auch im Angebot. Aber seine wahre Wohltat ist der Rum. Steht natürlich ganz was anderes auf der Flasche drauf. Internationale Konzerne müssen ihre Markenrechte sichern in Zeiten von Putin und Red Bull. Aber Rum bleibt Rum bleibt Rum. Reicht schon, wenn man an der Flasche riecht. Hat mir der Kollege beim Frühstück erzählt. Kollege ist hier jeder, der auch die Krankheit hat. Unter Kollegen vertraut man sich. Darum weiß ich jetzt schon, wohin später dann mein Entspannungsspaziergang führen wird. So vergehen die Tage in der Anstalt. Und allmählich vergehen die Wochen auch.
Zum Frühstück habe ich immer die alte Trainingshose an und zum Abendessen gerne dann die neue. Noblesse oblige, auch wenn mich jeder dafür für den Dandy hält. Ich stelle mir gerne vor, was Bryan Ferry hier zum Abendessen tragen würde. Wahrscheinlich eine seidene Pyjamahose mit purpurroten Streifen. Gott sei Dank habe ich keine seidene Pyjamahose mit purpurroten Streifen mit.
An meinem Tisch sitzen der ehemalige Direktor von der kleinen Sparkasse am See, der Polier vom Bautrupp an der Autobahn, der Sägewerksbesitzer aus der Südsteiermark, der Chemiker und ich. Zum Chemiker sagen wir Herr Professor hinter seinem Rücken, weil er sich meistens auskennt, wenn die Frage auf was Technisches kommt. Uns verbindet nichts außer die schwachen Herzen, die wir haben. Man glaubt gar nicht, wie stark schwache Herzen verbinden können.
Beim Würstelstand an der Brücke bin ich abonniert auf Flaschenbier und Cevapcici. Wenn Menschen von der Anstalt vorbeikommen, schauen sie sich entsetzt meinen Teller an. Das gefällt mir gut. Gelassenheit is my new middlename. Aber noch einmal Unterwassergymnastik und ich dreh durch.