Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Ein Versprecher war der Höhepunkt der Opernball-Übertragung des ORF. Es passierte in einem der sonst enervierenden Sponsoreninterviews.
Moderator Alfons Haider beglückwünschte Frau Hanni Vanicek zum 300. Geburtstag ihres Unternehmens "Zur Schwäbischen Jungfrau". Jeder aufmerksame Zuseher hat sofort bemerkt, was zuvor ausgemacht war:

Frau Vanicek soll dem Moderator als Höhepunkt des Interviews ein Taschentuch als Geschenk überreichen. Die erfolgreiche Unternehmerin hielt das Taschentuch gleich zu Beginn demonstrativ in den Händen. Auch der folgende Dialog war wohl einstudiert, mit einer kleinen Ausnahme. Vanicek: "Was muss ein Mann, eine Frau immer bei sich haben? Ein schönes Taschentuch." Darauf Haider: "Da treffen Sie mich völlig am falschen Ufer ..." Eigentlich wollte er noch sagen "...denn ich habe keines ...", aber dazu kam es nicht mehr. Alfons Haider stockte, bemerkte seinen Versprecher, tat so, wie wenn nichts gewesen wäre, und Frau Vanicek sagte:

"Ich habe mir erlaubt, eines zu sticken." Große Freude! Aber Haider wäre kein ausgezeichneter Moderator, wenn er dies so hätte stehen lassen. Beim nächsten Einstieg nahm er Bezug auf sein Missgeschick. "Ich habe heute einen Jahrhundertversprecher gemacht", gestand er der Theaterschauspielerin Maria Happel, die dem Fernsehpublikum als Gerichtsmedizinerin in "SOKO Donau" bekannt ist. "Ich wollte sagen: ,Sie haben mich am falschen Fuß erwischt.‘ Aber ich sage: ,Sie haben mich am falschen Ufer erwischt.‘" Maria Happel bricht in ein Lachen aus und meint: "Ja, das wird wohl in die Genitalien eingehen."

Aus sprachlicher Sicht haben wir es in diesem Fall mit Paronymie zu tun: Darunter versteht man in der Wissenschaft zwei ähnlich klingende Wörter innerhalb einer Sprache oder eines Dialekts, die von einem Ungebildeten verwechselt werden können: Rezension und Rezession, Arrangement und Engagement, Annalen und Genitalien. In diesem Fall war die Verwechslung freilich Absicht. Maria Happel wollte Alfons Haider aus der Patsche helfen. Der Versprecher ist nun Teil einer längeren Geschichte, die mit einer attraktiven Schlusspointe ein glückliches Ende gefunden hat. Es gibt Witze, die aus einer Flut von Paronymen bestehen. Einer von diesen wird meist als Frau-Pollak-von-Parnegg-Witz erzählt.

Die Dame hat wirklich gelebt, ein Großteil der Witze wurden ihr unterschoben. Es heißt, dass sie dies mit einer bewundernswerten Gelassenheit ertragen habe. Einer dieser Witze ist ein längerer Monolog der Frau Pollak: "Unsere Älteste heiratet den jungen von Salomon. Wir haben ihr eine Wohnung eingerichtet - das glauben Sie nicht! In einem todschickeren (schicker = betrunken) Haus mit lauter Marmor und Fahrstuhl mit echtem Liftgoj. Überall echte Perverser, auf dem Tisch achtarmige Kadaver, die Wände makkaronigetäfelt, die Tischtücher reines Damaszenerlinnen, das Schlafzimmer im Stil Louis Quatorze, dem Fünfzehnten, das Spielzimmer im Vampyrstil, das Speisezimmer à la Gebrider-Meyer, und auf der Steppdecke haben wir die verschlungenen Genitalien des Paares einsticken lassen."