In diesen Tagen sind gute Nachrichten doppelt willkommen. Hier ist eine: die Neuen Medien funktionieren als Live-Ticker, Informationsquelle und persönliches Nachrichten-Netzwerk im Fall einer unklaren Bedrohungslage durchaus. Jedenfalls besser als erwartet. Sie zeigen dabei die ganze Bandbreite der Reaktionen auf das Corona-Virus (offiziell: Covid-19) - von epidemischer Angst über sterile Sachlichkeit bis zu demonstrativer Gelassenheit. Letztere nicht selten verbunden mit einer Portion Ironie. "Ich habe weniger Angst vor dem Virus als davor, was passiert, wenn plötzlich alle zuhause bleiben und den ganzen Tag hier auf Twitter verbringen", warf "Agent Provocateur" in die Runde. Tatsächlich ist das Szenario nicht ganz unvorstellbar. Wer nach China blickt oder, weit näher, Italien, für den sind Abriegelungen ganzer Wohnblocks, ja Städte und Provinzen, inzwischen das Denkmodell der Stunde. Trautes Heim, Glück allein (regelmäßiges Händewaschen nicht vergessen!) Österreichs Entscheidungsträgern wird dito nichts anderes einfallen, so entschlossen sie auch in die TV-Kameras blicken. Zurück bleibt der Eindruck, dass derlei das Virus nicht stoppt. Und es eine beunruhigende Kluft gibt zwischen der gebetsmühlenartig wiederholten Botschaft, Covid-19 sei "harmloser als eine Grippe" und medizinischem Fachpersonal, das in Schutzanzügen durch die Gegend stapft wie in einem Endzeit-Thriller.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Ein weiteres "Twitter"-Fundstück, ein Video des britischen "Daily Telegraph", macht erst recht betroffen: Es zeigt den Gesundheitsminister des Iran, stark schwitzend, bei der Verkündung der offiziellen Botschaft, man hätte "alles im Griff". Am nächsten Tag bekam der Mann sein persönliches medizinisches Testergebnis: positiv. Zu Tode gefürchtet ist aber auch gestorben. Die Technik ist in solchen Situationen Voraussetzung für eine systematische, erfolgversprechende Abwehrreaktion. Stephen Hawking warnte 2017 vor den größten Bedrohungen der Menschheit: Klimawandel, Atomkrieg, genetisch veränderte Viren, Künstliche Intelligenz. Aber Pessimismus war Hawking nicht eigen: "Nachdem wir die Nutzung des Feuers entdeckt hatten, haben wir uns ein paarmal dumm angestellt. Und dann den Feuerlöscher erfunden." Die größte Gefahr für sich selbst und diesen Planeten sei der Mensch selbst. Aggression als Wesenszug der humanoiden Spezies. Einzig wirksames Gegenrezept: Empathie. Es ist ein wohl kein Zufall, dass Medien alter und neuer Bauart dieses Aggressionspotenzial - das Angst (oft irrationaler Natur) als Nährboden hat - widerspiegeln, verstärken und potenzieren. Insofern erlaube ich mir, in diesen Tagen Selbstdisziplin anzuraten: Man überlege sich doppelt und dreifach, wie eine Botschaft auf Seite der Empfänger verstanden werden kann (inklusive aller denkbaren Missverständnisse), bevor man auf die "Send"-Taste drückt. Das gilt insbesondere für öffentliche Wortäußerungen. Damit kein Missverständnis entsteht: Alles, was uns zum Lachen bringt, ist ausdrücklich erwünscht. Apropos Lachen: Facebook, lese ich gerade, will Werbeanzeigen verbieten, die sich auf das Corona-Virus beziehen. Und auch entsprechende Botschaften auf dem eigenen "Marktplatz" hintanhalten. Es wird nicht gelingen. Der menschliche Kommunikationsdrang ist zäher als jeder Virus.