Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Diesen Satz wollte ich eigentlich schreiben, in einem Artikel über die ganz großen Dinger von gestern, und eines dieser ganz großen Dinger von gestern war ja "die" Hirnforschung, unglaublicher Trend. Der Jubel war so groß wie die Erwartungen: Das ist es, was wir brauchen! Charts, die zeigen, was im Kopf von Menschen passiert, wenn Werbeimpulse verabreicht werden! Eine wahre Begeisterungswelle erfasste die Protagonisten in Management und Marketing.

Neuroökonomie werde sie, so die Hoffnung, endlich jenes Passepartout entdecken lassen, das die Pforten zu allen Konsumentengeistern öffnet. Das ist etwas anderes als die philosophischen Mutmaßungen über des Menschen Wille und Entscheidungslogik! Der Blick ins Hirn! Direkt in die Mechanik der Konsumentscheidung! Von dort in die Computer der Marketingabteilungen! Jede Menge Trendforscher, die wenige Jahre zuvor noch auf Chaosforschung geschworen hatten ("fraktaler Markt") surften mit, schwafelten über das limbische System und den Kaufknopf im Reptilienhirn, bis - und dies sollte der Satz werden - "eine Reihe von reputierten Hirnforschern ein Manifest aufsetzten, um diese Trittbrettfahrer ein wenig einzubremsen, denn man wisse noch viel zu wenig und ‚die‘ Hirnforschung gebe es nicht".

In diesem Satz nun wurde das Wörtchen "reputiert" vom Schreibprogramm rot unterstrichen: gibt es nicht! Der Algo, wie wir diese späherische Software zärtlich nennen, schlug stattdessen vor, entweder "repetierten" oder "refutierten" zu wählen, eventuell "deputierten" oder, wenn das alles, was richtig ist, keinen wahren Sinn ergäbe, "eruptierten" einzusetzen.

Nun, das Wort "reputiert" scheint in der Tat selten benutzt zu werden, jedenfalls nicht in der Lingua franca des algorithmisch ermittelten durchschnittlichen Sprachgerbrauchs. Und doch bleibe ich dabei, dass, selbst wenn es dieses Wort in diesem Sinne nicht gäbe, ich es mit ausreichender Legitimität benutzen dürfte und darf, weil ich von einem alten Wiener Rhetorik-Haudegen (deren es ja in der Stadt viele gab und vielleicht noch einige gibt) etwas gelernt habe, in einem Gespräch, das, wo auch sonst, an der Theke einer dieser rhetorischen Kraftkammern stattfand (deren es ja ebenfalls in der Stadt viele gab und vielleicht noch einige gibt). In diesem Gespräch benutzte er ein Wort, ich habe vergessen welches, von dem nun alle behaupteten, das gäbe es nicht. Darauf erwiderte er mit der Selbstsicherheit, die in dieser Szene gang und gäbe war und es vielleicht noch ist, dass es dieses Wort ganz sicher gebe, und er müsse es wissen, "denn schließlich habe ich es ja selber erfunden".

In dieser Lage bin ich leider nicht, weil "reputiert" doch bei der Suche hier und da auftaucht. Daher habe ich großzügig den Vorschlag beherzigt, es dem Wörterbuch des Schreib-Programms hinzuzufügen, sodass nun der Kollege Algorithmus wieder ein wenig sprachmächtiger wird und uns etwas weniger auf die Nerven geht.