Irgendwann krieg ich garantiert ein Burn-out von diesen ständigen Todesdrohungen. Permanent will mich irgendwer umbringen. Das Klima, böse Männer mit Messern und/oder Autos, "verschluckbare Kleinteile" (Mikroplastik) und nun auch noch hustende Chinesen, Italiener, Bayern . . .

Das ist doch kein Leben mehr, das ist ein Überleben. Die Poller, die zu meinem Schutz überall aufgestellt worden sind, haben mein subjektives Sicherheitsgefühl definitiv nicht erhöht. Und würden die Politiker mir gefälligst nicht dreimal täglich via Pressekonferenz ausrichten, ich hätte keinen Grund zur Panik? Weil was glauben die denn, mach ich dann wohl als Erstes? Genau. Paniken. Das ist wie mit diesem Elefanten, an den man nicht denken soll. ("Denken Sie nicht an einen Elefanten!") Moment, hat der in meinem Kopf soeben geniest? Ach, trompeten heißt das? Klingt jedenfalls sehr ansteckend. Hab ich schon erwähnt, dass ich an einer prätraumatischen Belastungsstörung leide? Nein? Immer und immer wieder muss ich im Geiste durchleben, was mir das Coronavirus alles antun wird. Wie diese Touristen auf Teneriffa werde ich einmal mitten in der Nacht aufs Klo müssen und plötzlich feststellen, dass mir jemand einen Zettel unter der Tür durchgeschoben hat: Ich wäre ab sofort in Quarantäne und dürfe nimmer raus, weil ein Italiener eingecheckt hätte oder so. (Ziemlich arschig, oder? Wie wenn man mit jemandem per SMS Schluss macht.) Ich wohne in einem großen Gemeindebau, hallo? Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nachbar in Italien war oder ein Pizzabote bei ihm angeläutet hat, gewaltig. Und die Dunkelziffer der Wahrscheinlichkeit erst. Meine Angst ist freilich anscheinend völlig unbegründet. Hab’s ausprobiert. Unter meiner Wohnungstür geht eh kein Zettel durch. Trotzdem: Was, wenn ich, um mich im engen Lift nicht zu infizieren, lieber Stiegen steige und oben dann verdächtig kurzatmig bin und schwitze und irgendwer ruft panisch die Rettung? Und ich muss gleich einmal in Untersuchungshaft ins Kaiser-Franz-Josef-Spital? Drum besser immer eine saubere Unterhose anziehen, bevor man das Haus verlässt. Man weiß nie, wie lang man die anbehalten muss.

Hm. Nach jedem Terroranschlag hat’s doch geheißen, wir sollen unsern bisherigen Lebensstil unbedingt beibehalten, weil sonst haben die Terroristen gewonnen. Und jetzt? Hat das Virus gewonnen. Laufen die Leute mit einem Gesicht herum wie in Saudi-Arabien. Nämlich mit gar keinem. Wenigstens sind die Masken unisexy. Und zum Glück helfen die überhaupt nicht gegen eine Ansteckung. Andernfalls müsste ich ja erneut in Panik geraten. Schließlich sind die ausgegangen. He, die Apotheken könnten stattdessen Niqabs verkaufen. Muslimische Gesichtsschleier. Als Placebos gegen eine Massenpanik. (War da nicht einmal was mit einem Gesichtsverhüllungsverbot?) Das Allerwichtigste hab ich sowieso längst daheim eingelagert. Einen Jahresvorrat an - Seife. Gut, mit dem werde ich höchstens drei Wochen auskommen, nachdem ich einen Waschzwang ebenfalls noch entwickelt habe. Na ja, zur Prävention kann man halt nur drei Dinge tun: Hände waschen, Hände waschen und Hände waschen. Oh, was Viertes gäb’s auch: belebte Orte meiden. Ich soll mich auf einem Friedhof verkriechen? Aber dort will ich doch gerade nicht hin.