Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Als ich in die Volksschule ging, stand jedes Mal im Herbst ein Aufsatzthema zwingend auf dem Programm: mein schönstes Ferienerlebnis. Und da wir in den 60er Jahren mit den Eltern vorwiegend auf "Sommerfrische" fuhren, ging es in unseren Aufsätzen zumeist um Dinge wie den Blick von einem Berggipfel, Tiere, die wir im Wald beobachtet hatten, oder den ersten Sprung vom Trampolin. Ereignisse, die man nicht so schnell vergisst - schon allein deshalb nicht, weil damals im Vergleich zu heute nicht so viel Aufregendes inszeniert wurde.

Rund um die Jahrtausendwende machte die Freizeit- und Tourismusindustrie sich das Erlebnis zu eigen. Was gab es da nicht alles: Erlebnis-Schwimmbäder, Erlebnis-Spielplätze oder Erlebnis-Hotels, die alle eigentlich genau das zu bieten hatten, was man sich dem Begriff nach erwarten konnte: schwimmen, spielen, schlafen. Okay, ab und zu eine lange Wasserrutsche, eine große Kletteranlage oder eine hauseigene "Saunalandschaft". Und natürlich den Erlebnis-Urlaub selbst, der obligatorisch eine Fülle von Top-Ereignissen zu bieten hat: Eisklettern, Wildwasserpaddeln, Hochgebirgs-Trekking. Das geplante Einzigartige, welches das im Jahr davor Konsumierte zu übertreffen hatte. Dazu fällt mir halt immer ein, mit welchen Worten André Heller die wahren Abenteuer besang ...

Nachwuchs bekam diese Begriffsfamilie wenig später mit dem berühmten "Einkaufserlebnis". Klar: Wenn immer mehr Kunden ins Internet abwandern, muss man denen, die ein reales Geschäft aufsuchen, rund um das angebotene Produkt etwas bieten: gefällige Präsentation, anregende Gerüche, entspannende Musik, vielleicht eine Tasse Kaffee, nette Verkäuferinnen, die im optimalen Fall auch kompetent agieren. Zu derartigen Verführungskünsten gibt es jede Menge Bücher und Schulungen. Vieles davon fällt in die Kategorie mehr Schein als Sein, alter Wein in neuen Schläuchen oder des Kaisers neue Kleider. Der wache Konsument nimmt es amüsiert zur Kenntnis und kauft - oder auch nicht.

Vollends absurd wird es aber, wenn es um die Befriedigung eines elementaren Bedürfnisses geht, um den Gang auf ein öffentliches Klo: Da wäre eigentlich klar umrissen, welchen Zweck dieser Vorgang hat. Auch dass man nicht länger als unbedingt nötig an dem betreffenden Örtchen zu verweilen gedenkt, liegt nahe. Umso mehr erstaunte es mich, in der Passage der U-Bahn-Station Volkstheater, dort, wo bis zuletzt eine schlichte Toilettenanlage stand, auf einer provisorischen Wand in Balkenlettern zu lesen: "Bald gibt es hier für Sie ein neues WC-Erlebnis."

Was um Himmels willen soll man auf dem Klo erleben außer einer hoffentlich eintretenden Erleichterung? Düfte? Bitte nicht. Musik? Hatten wir bereits in der Opernpassage. Ein Gläschen Prosecco danach? Eine tanzende Klofrau? Man darf gespannt sein. Die Chancen stehen allerdings gut, dass der Besuch - anders als früher - kostenpflichtig sein wird.