Ich schreibe dies zwei Tage nach der Zeitenwende im Jahr des Herrn 2020, und wenn diese Zeilen nach einem Logbuch-Eintrag klingen, dann durchaus beabsichtigt. Es ist gerade einmal zwei Wochen her, dass ich an dieser Stelle das "hoffnungsvolle Leuchten des Bildschirms" imaginierte, als eine Art Signalfeuer im Meer der Unwägbarkeiten. Damals - es erscheint seltsam lange her - begann Italien ob der Covid-19-Pandemie mit der Abriegelung erster Provinzen. Mittlerweile hat sich das ganze Land selbst unter Quarantäne gestellt. Aber alles hat längst die Grenze passiert: das Virus, die Angst, die Maßnahmen, der Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Europa, nein: die Welt befindet sich im Kriegszustand.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Zu viel Pathos für eine Krankheit, die bis zuletzt noch als "harmloser als eine Grippe" galt? Ich meine: nein. Es sind die leuchtkräftigen Bilder, die uns den Weg weisen im Sprühnebel der Desinfektionsmittel. Auch da kann sich jeder heimische Politiker eine Scheibe von der Methodik (nicht der Moral!) der chinesischen Behörden abschneiden: Zeig’ entschieden, wo’s langgeht, erklären kann man es später immer noch - verstehen könnten es locker zwei Drittel der Bevölkerung, aber wirklich verinnerlichen will es aktuell vielleicht ein Bruchteil davon, wenn überhaupt.

Man konnte selbst respektierte Journalisten, Meinungsbildner und Landärzte lange nicht vom Wesen dieses Wettlaufs mit dem Tod überzeugen. Man kann es partiell immer noch nicht - sei es mit Schautafeln, Videos, mathematischen Formeln, akkuraten Statistik-Kurven oder dramatischen Augenzeugenberichten aus Spitälern in Krisen-Hotspots. Mit fatalen Folgen. Bezeichnenderweise hat in diesem Kontext der potenziell hochklassige, weil weltumspannende, quellendiverse und mit Abstand rasanteste Kommunikationsträger - das Internet - mit seiner eigenen Übermacht zu kämpfen. Jeder nutzt es, keiner traut ihm. Weil der Großteil seiner User zu träge ist, Fakten zu checken, Informationen abzuwägen und ein Sensorium gerade für unangenehme Wahrheiten zu entwickeln, glaubt man nur, was man vorher schon an "Meinung" in der warmen Jackentasche mit sich herumtrug. So kam, was kommen musste: Man wird - inmitten eines Tsunamis! - Teil einer Fraktion in einer fraktionierten Welt. Pro? Contra? Indifferent? Egal? Mir jedenfalls egal, bei manchen Zeitgenossen als Mit-Befeuerer einer "weltweiten social-
media-gesteuerten Massenhysterie" (Originalton in einem Facebook-Thread) zu gelten. Time will tell. Aber den Ärzten läuft die Zeit und die Bettenkapazität schon davon. Es wäre mehr als schmerzlich, recht zu behalten. Homeoffice now! Das hoffungsvolle Leuchten des Bildschirms... Warum setze ich, setzen wir weiterhin auf die vielgeschmähten, langsam an ihre Kapazitätsgrenzen geratenden Neuen Medien? Weil die elektronischen Kanäle ein Eckpfeiler eines Weitermachens, ja Weiterlebens sind. Erst recht bei geschlossenen Grenzen und Türen. Weil sie, weil wir uns noch viel zu sagen haben werden in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten. Hoffentlich. One-to-one. One-to-many. Viral. Jeder Mensch für sich. Allein in und aus seinem Quarantäne-Raum, seinem Ego-Bunker, seinem Familiennest, seinem Chefbüro, seinem Leuchtturm, seinem Krankenbett, seiner Schaltzentrale, seiner Steinzeithöhle des 21. Jahrhunderts.