Eigentlich wollte ich mir den Hinweis auf eine schöne Ausstellung vom gefräßigen, fast alle Kulturevents verschlingenden C-Virus nicht nehmen lassen, aber nun ist ein Besuch der Schau über den kürzlich 80 Jahre alt gewordenen Architekten Boris Podrecca im Foyer der Wiener Städtischen Versicherung im Ringturm auch nicht mehr möglich. (Was man dort gesehen hat, siehe WZ-Ausstellungsbericht).

Aber man kann jedenfalls trotzdem denjenigen preisen, dem sie gegolten hat. Und dessen Bauwerke, die immun gegen derlei Infektionen sind. Und um gleich im Bild dieser Tage zu bleiben: Auch ich bin an und für sich immun gegen die mitunter epidemischen Selbstdarstellungen gegenwärtiger Architekten, nicht aber im Falle von Boris Podrecca; da bin über seine Person und seine Selbstauskünfte erst zu dem, was er selbst lieber "Archikultur" als Architektur nennt, vorgestoßen. Es war vor allem ein Satz, den der virile, mitteleuropäische (als Slowene in Belgrad geborene, in Triest aufgewachsene, seit seinem 19. Lebensjahr in Wien lebende) Baukünstler in einer schönen Filmdokumentation von ORF-Kulturchef Martin Traxl sagte. Und zwar sprach Podrecca von der "kammermusikalischen Qualität von Innenhöfen".

Wer solch wundervolle Metaphern verwendet, empfängt mein volles Interesse. Und so begann ich, genauer hinzuhören - auf das, was dieser Mann sonst noch sagt - und auch genauer hinzusehen, auf das, was er vollbringt bzw. vollbringen lässt. Und seitdem kann ich mich an Podrecca-Sätzen und -Bauten kaum satthören und sattsehen. Nicht satthören an der Philosophie (s)einer Bauästhetik, die nicht einen Stil, sondern die Anpassung an die Umgebung und Geschichte von Orten, Plätzen und Gebäuden preist. Die selbst nicht Kunst sein will (wie viele zur Hybris neigende Architekten), sondern Handwerk und "Raumreparatur".

Einer von Podreccas ausgeführten Entwürfen in Wien: der Austria Campus. - © Miran Kambic
Einer von Podreccas ausgeführten Entwürfen in Wien: der Austria Campus. - © Miran Kambic

"Wir ummänteln das Nichts", ist ein weiterer wunderbarer Satz von Podrecca, der damit der "Bekleidungstheorie" von Gottfried Semper folgt, daher auch sein besonderes Interesse an Materialien und (Ober-)Flächengestaltung. Und auch seine eigene Bekleidung ist bemerkenswert: Er trägt kein Einheitsschwarz, wie viele seiner Kollegen, sondern eine dezent bunte Mischung aus feinen Stoffen, Tüchern, Hüten und Accessoires, die man ebenso gerne ansieht wie die Vielgestaltigkeit und Polychromie seiner Bauwerke, wofür die Ausstellung im Ringturm schönes Anschauungsmaterial aus den letzten zwei Dekaden aufbereitet hatte, die man aber natürlich auch in natura (außer halt zu Zeiten von coronösen Ausgangsbeschränkungen) oder in Büchern betrachten und bewundern kann. In Österreich und speziell in Wien etwa vom Dommuseum über den Austria Campus bis zum Vienna Bio Center. Und man kann sehen und erahnen, was aus dem Praterstern hätte werden können, hätte die Stadtverwaltung nicht kalte Füße bekommen und Podreccas Projekt vorzeitig abgebrochen. Woebei die Poesie von Plätzen überhaupt eine der Spezialitäten dieses mediterranen Flaneurs ist.

Besonders verliebt habe ich mich in eine von Podrecca gestaltete Hotelanlage im kroatischen Zadar (wo jedes Zimmer Meerblick hat). Dort zieht es mich hin. Ein Grund mehr, warum dieses blöde Virus so rasch wie möglich verschwinden muss.