Denn so sehr sich Männer auch in Bezug auf die Orte unterscheiden, in denen sie leben, oder im Gesetz ihres täglichen Lebens, in natürlichen Neigungen, in aktiven Beschäftigungen oder in dem, was den Menschen sonst noch vom Menschen unterscheidet, bei dieser Krankheit zählten derlei Unterschiede nichts."

Als Prokopios von Caesarea diese fatalistischen Worte im 6. Jahrhundert niederschrieb, war er selbst Zeuge einer Länder übergreifenden Seuche geworden, die heutzutage meist als Justinianische Pest bezeichnet wird und über deren Ursprung und Heftigkeit Wissenschafter uneins sind. Klar ist jedoch, dass für den spätantiken Historiker und seine Zeitgenossen sowohl die Krankheitssymptome als auch die weite Verbreitung des Leidens überaus beängstigend waren: "Die Erkrankten bekamen urplötzlich Fieber (...), wobei ihr Körper aber keinerlei Veränderungen aufwies (...), später jedoch entwickelte sich eine Beulenschwellung im Bereich des Unterleibs, innerhalb der Achselhöhlen, in einigen Fällen auch an den Ohren oder an unterschiedlichen Stellen an den Oberschenkeln."

Derlei Übel standen die spätantiken Menschen hilflos gegenüber, gab es doch damals noch nicht die heute üblichen Möglichkeiten, den Erreger der Krankheit zu identifizieren oder gar ein wirksames Gegenmittel zu entwickeln. So behalf man sich mit einer Mischung aus magisch-religiösen und praktischen Maßnahmen, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern - mit wenig Erfolg: Anfangs suchten die Erkrankten bei den Priestern in den Heiligtümern Zuflucht, wo sie allerdings, wie Prokopios resigniert feststellt, genauso rasch starben wie anderswo. Auch das kaiserliche Gebot, die Verstorbenen nicht nach dem üblichen Ritus bestatten zu lassen, sondern die Leichen an zentralen Orten zu sammeln, half nicht gegen ein rasantes Ausbreiten der Epidemie in der Hauptstadt Konstantinopel.

Immerhin führte das Grauen aber auch zu einer Solidarisierung der Bevölkerung untereinander: Üblicherweise gab es in Konstantinopel unterschiedliche Fraktionen, die einander teils heftig bekämpften; nun galten derlei politische Trennlinien nicht mehr, vielmehr kämpfte man gemeinsam gegen den im wahrsten Sinn des Wortes un-fassbaren Feind.

Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie sind in der Geschichtswissenschaft umstritten. Wenn man sich aber vor Augen führt, wie sehr weltweite Krankheitserreger wie das Coronavirus noch heute die Menschheit verunsichern, kann man ermessen, wie viel Furcht und Schrecken die Pest vor 1500 Jahren verbreitet haben muss.