Als Kind habe ich viel Zeit in der Kirche verbracht. Immer wieder habe ich dort ein mir unbekanntes, merkwürdiges Wort vernommen: Aussatz oder Aussätzige. Erst viel später wurde mir klar, dass Aussätzige erbarmungswürdige Geschöpfe sind, Menschen, die durch irgendeinen Makel am Rande der Gesellschaft standen und deshalb gemieden wurden. Aussätzige sind in der Bibel nicht einfach Erkrankte, sondern Gezeichnete, die um jeden Preis vom Rest der Gemeinschaft fernzuhalten sind. Und zwar mit einer Reihe von Regeln, die auch exorzistische Funktionen haben: Berührungsverbote, Betretungsverbote, Aussonderung.

Die Kirche hat, wie wir alle wissen, ein breites Regelwerk der Reinigung, der Opferung und der Waschungen etabliert, das nicht nur der Isolation von Unreinheit dient, sondern im Gegenzug auch der Reinigung der gefährdeten Gemeinschaft. Natürlich kannte man zur Zeit, als die biblischen Texte entstanden, noch nicht die Ansteckungs- und Verbreitungswege der diversen Seuchen und Krankheiten. Heute sind wir in den diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sehr viel weiter. Und dennoch fällt auf: Krankheiten, die ansteckend sind, Seuchen zumal, reaktivieren tief sitzende Urängste. Einem Beinbruch begegnet man mit sachlich-instrumenteller Vernunft, der neuen Corona-Pandemie keineswegs.

Gerade weil diese Krankheit uns derzeit so existenziell trifft, werden in unseren kollektiven Wahrnehmungen und Phantasien uralte Bilder, aber auch Methoden der Abwehr reaktiviert, die an biblische Zeiten denken lassen. Jesus hat, wir haben es alle gelernt, den Kontakt mit den Aussätzigen nicht gescheut. Er hat die Grenze zwischen den kranken Ausgestoßenen und den Gesunden bewusst überschritten. Eine provokante Gratwanderung.

Wenn heute die Zeichen des Verbots immer neue Lebensbereiche betreffen, ist es vielleicht sinnvoll, uns die tief verankerte, existenzielle Dimension der neuen rätselhaften Krankheit vor Augen zu halten. Wir waschen die Hände nicht nur, um Keime zu ersticken, sondern auch, um die bösen Dämonen zu bannen.