Seltsames Gefühl, sich plötzlich mitten in einem hyperrealistischen Science-Fiction-Film, den man noch nicht fünfmal gesehen hat, wiederzufinden. Gerade habe ich die Zeitung - es ist jene, die Sie in Händen halten (oder am Bildschirm lesen) und für die ich diese Zeilen schreibe - aus dem Postfach gefischt; sie ist deutlich dünner als sonst. Und es würde mich nicht wundern, wenn sich im Amtsblatt schon die Konkurseröffnungen mehren, so wie in italienischen Regionalblättern die Todesanzeigen längst mehr Raum einnehmen als die redaktionellen Verlautbarungen. Ich bin doppelt froh, dass mir die Kollegin im Home Office, das nun als Redaktionszentrale fungiert, mitgeteilt hat, man versuche so gut wie möglich den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Klinge ich zu dramatisch? Ich fürchte: nein. Der alte chinesische Fluch "Mögest du in interessanten Zeiten leben!" hat sich in einer Weise bewahrheitet, die uns vor wenigen Tagen noch unvorstellbar schien - sieht man von Dystopie-Autoren, Börsenprofis mit Hang zu Hebelscheinen (die auf Verluste setzen und gerade unglaubliche Profite einfahren) und notorischen Schwarzmalern ab. Die Welt da draußen ist eine deutlich andere geworden. Können wir uns drinnen verkriechen - in unseren Wohnhöhlen, unseren Heimbüros, im Innersten in uns selbst? Hier hat die Psychologie akut mehr zu sagen als BMI oder AMS.

Seltsamerweise bin ich weder panisch noch pessimistisch. Es gibt keine belegbaren Gründe dafür, weil ja nach dem medizinischen Tsunami (dessen Höhepunkt noch nicht erreicht ist) der wirtschaftliche Kollaps droht. Auch mir und meinem Business, einem der vielen kleinen Kulturbetriebe. Trotz Instant-Solidarität und 38-Milliarden-Euro-Hilfspaket. Wird man Geldbündel demnächst aus dem Helikopter abwerfen? Es sind - der Zukunftsforscher Matthias Horx (der, ja, auch schon oft genug in den Gatsch gegriffen hat, aber) beschreibt die ungeheure Disruption in einem Text namens "Die Welt nach Corona" recht plastisch - Silberstreifen am Horizont auszumachen, dass die Politik, die Gesellschaft, ja die Menschheit per se aus dem Geschehen lernt. Selbst in Hotelbars in Ischgl oder im gepolsterten Chefbüro in der Nationalbank wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Und es muss dezidiert nichts Schlechteres nachkommen.

"It’s the end of the world as we know it", um die Pop-Sentimentalisten R.E.M. zu zitieren, "but I feel fine"? Ja. Ö1 hat gerade, wunderbar passend, "Die Reparatur der Zukunft" manifestiert. "Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten", schreibt Horx. "Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser), stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. (. . .) Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang."

Die Krise als Chance zu definieren, kann ungeheuer tumb, ja zynisch sein. Aber haben wir eine andere, zweite Chance? Im Idealfall ist sie ein Reifungsprozess neuer und ein Wiederentdeckungsprozess alter Kulturtechniken, ein Motor medizinischer Forschung, ein Fortschritt im wahrsten Sinn des Wortes.

Hoffen wir das Beste.