Beim Bundesheer hatte ich Singverbot. Eines hatte nämlich nach der Volksschullehrerin endlich auch mein zuständiger Ausbildner kapiert: Der Bub tut nicht nur so, als ob er völlig gehörlos wäre, der Bub bringt wirklich keinen geraden Ton heraus und zwar ganz besonders nicht, wenn es sich um Marschlieder handelt. Scheint ein genetischer Defekt zu sein. Zuerst wurde ich angeschrien, dann wurde ich nochmals angeschrien, dann wurden mir drakonische Strafen angedroht, dann ging mein zuständiger Ausbildner einen ganzen Marsch lang neben mir durch den Wald und schließlich hieß es, einfach nur den Mund halten, das ist ein Befehl und besser so.
Persönlich fand ich das damals etwas übertrieben, einen Hauch beleidigend sogar, aber versuch du mal, beim Bundesheer in eine philosophische Diskussion zu kommen, da hast du keine Chance, vor allem, wenn eh schon alle heimlich lachen, sobald du nur den Mund aufmachst. Habe ich halt nicht gesungen. Halte ich im Grunde heute noch so.
Ich singe nur, wenn ich betrunken bin. Dabei geht es mir so ähnlich wie der guten Freundin aus Deutschland, die bereits ihr halbes Leben lang in Wien wohnt, aber beim Heurigen immer noch als Piefke auffällt, weil sie, halbwegs betrunken, gerne die Augen schließt, in eine Art Koma verfällt und dabei deutsche Volkslieder von sich gibt. Ich falle zwar nicht als Piefke auf, wenn ich betrunken beim Heurigen bin. Als Placido Domingo allerdings auch nicht.
Ich singe selten laut. Das haben sie mir beim Bundesheer abgewöhnt. Ich singe leise vor mich hin, wenn es genügend Alkohol gegeben hat, manchmal so gerührt von mir selbst und meiner Sensibilität, dass mir geradezu die Tränen kommen. Gerne singe ich in solchen Fällen ein Kärntnerlied vor mich her. Das von der Mölltalleitn. Von der Sunnenseitn. Die anderen Kärntner Lieder summe ich nur. Da habe ich den Text vergessen.
Kann schon sein, dass ich derzeit wie halb Italien am Fenster stehe und gegen den Virus ansinge. Wer durch die Schlickgasse geht, kann mich sehen hoch oben im vierten Stock. Hören kann mich keiner. Das ist gut so. Sonst wäre es wohl schnell vorbei mit der Solidarität.