Lassen Sie uns über Social Distancing sprechen. Diesbezüglich gibt es ein paar historische und rezentere Anknüpfungspunkte, die einem in den Sinn kommen könnten. Nicht nur hat die IG "Hostile Design" vulgo "Defensive Architektur" als Avantgarde der Distanz-Wahrung im öffentlichen Raum mit "Maßnahmen" wie klassischer Musik und Sitzbarrieren gegen Obdachlose hier schon früh jeden Anstand verloren - wo es heute darum geht, aus Rücksicht Abstand zu halten.

Auch setzen Bahnhöfe, Flughäfen und ähnliche Unorte auf klare bauliche Botschaften, um dem Homo sapiens zu vermitteln, dass er a) zwar eigentlich unerwünscht ist, allerdings b) zumindest temporär toleriert wird, sofern er mit seiner Kreditkarte noch schnell die Weltwirtschaft rettet. Aktuell wird misanthropisch gestimmte Architektur aber eher nicht mehr benötigt. Es sieht in den meisten Shoppingmalls mit Gate-Anschluss sowieso schon aus wie in einem Ami-Film nach der Zombie-Apokalypse.

Zeitlebens im Grabhügel

Übrigens bringt im Milieu der bereits nach schlappen eineinhalb (!) Wochen (!!) nervlich erheblich gezeichneten Homeoffice-Amateure ja vielleicht der Gedanke so einiges wieder ins Lot, dass es irgendwo da draußen Astronauten geben soll, die auf ihren Orbitreisen isoliert in einer fliegenden Blechdose herumsitzen, um auch nach Monaten nirgendwo anzukommen - außer eventuell bei sich selbst (Vorsicht, man könnte sich kennenlernen!). Und gingen nicht zuletzt schon die sogenannten "Religionsgemeinschaften" einen Weg, der kein leichter war, weil er den Verbund zugunsten der inneren Einkehr hinter sich ließ? Denken wir gerade in der Fastenzeit an die etymologische Herkunft des Eremiten aus der Wüste und an frühe Stars der Einsiedler-Zunft wie die in einer hohlen Linde behauste Edigna von Puch oder
Guthlac von Croyland, den Proto-Grufti. Verrückt, aber der zog sich bereits zeitlebens in einen Grabhügel zurück.

Ein Schmuckeremit wird bestaunt. Mit Sicherheitsabstand! Abbildung: John William Waterhouse, "Diogenes", 1882. - © Archiv
Ein Schmuckeremit wird bestaunt. Mit Sicherheitsabstand! Abbildung: John William Waterhouse, "Diogenes", 1882. - © Archiv

Über den Schmuckeremiten aus dem 18. und 19. Jahrhundert wiederum ist bekannt, dass er vom britischen Landadel um Typen wie Charles Hamilton in die prächtigen Landschaftsparks gestellt und vertraglich dazu verpflichtet wurde, die Körperhygiene zu minimieren, um ähnlich der Logik der Völkerschauen als (edler) Wilder bestaunt zu werden. Sagen wir es so, allein schon, weil aus hygienischen Gründen ein gewisser Bogen um ihn herum gemacht werden musste, war der Schmuckeremit ein früher Held der heute so wichtigen räumlichen Distanzierung.

Natascha-Kampusch-, Josef-Fritzl- und generelle Witze über die österreichische Kellerkultur wären jetzt natürlich noch eine Möglichkeit. Schließen wir aber lieber mit dem Fußballgewerbe, das sich vor Geisterspielen nicht fürchten sollte. Leere Ränge sind in der österreichischen Bundesliga gut erprobt und zwischen Mattersburg und der Südstadt seit Jahr und Tag Realität.