Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

In der gegenwärtigen Situation eine Glosse zu schreiben, ist nicht halb so unterhaltsam wie sonst, wenn man skurrile Momente des Alltags entdeckt und sie einer miniliterarischen Bearbeitung unterwirft, um aus trivialen Belanglosigkeiten richtungsweisende Zeichen zu destillieren.

Dazu kommt, dass alles, was zu dieser Situation gesagt werden kann, schon gesagt ist, auch das Übliche - von der Chance, die in der Krise steckt, bis hin zu Camus, den man wieder lesen sollte, wobei ich eher statt der "Pest" die "Hochzeit des Lichts" vorschlage. Ist dasselbe Meer, das Mittelmeer, derselbe Ort, Oran. Dasselbe Wetter, schön. Aber irgendwie doch eine andere Stimmung. Nicht unterhaltsam, aber immerhin.

Aber unterhaltsam ist, wie gesagt, im Augenblick wenig. Selbst manche Beobachtung, die aussieht wie von Karikaturisten erdacht, wirkt bei näherer Überlegung eher bestürzend, wie der Abtransport unglaublicher Mengen von Toilettenpapier aus allen Quellen, selbst aus Baumärkten, wo ich dieses Produkt in den Jahrzehnten meiner Bastel- und Gartenbesorgungen niemals wahrgenommen habe. Erst als jemand auf dem Gepäckträger seines Fahrrads (wieso kommt eigentlich einer mit dem Radl zum Baumarkt?) drei Achterpacks gestapelt hatte und glückselig, als habe er ein Kilo weiße Trüffeln ausgegraben, davonstrebte, drängte sich die Frage auf: Wieso gibt es Toilettenpapier im Baumarkt? Darüber lässt sich sicher eine konsumphilosophische Abhandlung verfassen, die in neo-idealistischem Tiefgang im Kleinsten das große Ganze sieht, das Walten einer abstrakten Idee, die sich mit einem metaphorischen Schmunzeln entäußert.

Aber dann gibt es doch einen dieser seltenen Momente, in denen man zumindest lächeln muss. Es war am vergangenen Sonntagabend, als in der "Tagesschau" der ARD der Beschluss vermeldet wurde, dass es ab sofort ein "Kontaktverbot" gäbe. Dieses Verbot bezog sich auf die Zahl der Personen, die in der Öffentlichkeit unterwegs sein dürfen, nicht mehr als zwei, die zu den nächsten zwei großen Abstand halten müssen. Gut so.

Während die Leiterin des ARD Hauptstadt-Studios, Tina Hassel, dies kommentierte, stand sie vor einem Live-Bild des Regierungsviertels in Berlin, man sah im Hintergrund die Spree, gesäumt von einer schönen Promenade. Auf ihr, unten am rechten Rand der Kulisse, tauchten nach ungefähr 50 Sekunden plötzlich Jogger auf und trabten durch die Inszenierung - es waren drei. Welch eine Chance für die Regie wäre es gewesen, schnell einen Pfeil einzublenden mit dem Hinweis: So nicht!

Im Übrigen habe ich heute, wie jedes Jahr, am 28. März Geburtstag. Werde mit den Nachbarn über den Gartenzaun anstoßen, die Gläser hüben wie drüben an einer dieser Stangen befestigt, mit denen man Papierschnitze von der Straße aufgabeln kann (das garantiert eine Distanz von mehr als zwei Metern) und mir alles Gute wünschen lassen. Ist doch eigentlich auch ein ganz klein wenig lustig.