Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Jetzt sind es bald drei Wochen. Und trotzdem fühlt es sich noch fremd an. Nicht so sehr das Gebot, die eigenen vier Wände möglichst selten zu verlassen, sondern vielmehr die Pflicht, zumindest einen Meter Abstand zu anderen Menschen zu halten. Glücklich, wer mit jemandem die Wohnung teilt - wer alleine lebt, muss ja eigentlich allen Artgenossen aus dem Wege gehen. Niemand da, dem man sich auch nur auf Armeslänge nähern dürfte, gar nicht zu reden von Hände schütteln oder innigeren Arten der Begrüßung.

Dabei ist es noch keine fünfzig Jahre her, dass sich bei uns das einbürgerte, was etwa in romanischen Ländern seit jeher Sitte ist: Menschen, die einander kennen und mögen, küssen sich auf die Wange, wenn sie einander treffen. Muss wohl ein Import aus Italien gewesen sein. Oder aus Frankreich. Wahrscheinlich im Zuge der damals so beliebten Interrail-Fahrten eingeschleppt: Junge Leute fingen in den 1970er Jahren auf einmal damit an, Gleichaltrigen - vornehmlich des anderen Geschlechts - zum Gruß nicht mehr die Hand zu reichen, sondern sie zu umarmen und zu küssen.

Ein ganz eigenartiges Gefühl war das: War unsere Elterngeneration noch recht formell miteinander umgegangen und hatte uns dazu erzogen, anderen Menschen die Hand zu geben - kleinen Buben war noch der "Diener", Mädchen der "Knicks" anempfohlen worden, wenn sie sogenannten Respektspersonen gegenübertraten -, so definierten wir nun die Distanz zueinander völlig neu. Ein an sich völlig normales Muster: Wir brachen mit einer Konvention unserer Eltern.

Heute heißen die, die damals das Begrüßungsbussi einführten, "Risikogruppe". Dabei hatten wir uns doch noch bis vor kurzem - erfolglos - dagegen zu wehren versucht, von den heute Zwanzigjährigen als Boomer bezeichnet zu werden. So schnell kann’s gehen. Einerlei: Wir treten auf dem Gehsteig flugs zur Seite, wenn uns jemand entgegenkommt, um brav den Sicherheitsabstand einzuhalten. Aber wir wären nicht die ehemalige Jugend der 70er Jahre, wenn wir so ein Ausweichmanöver nicht auch zum Anlass netter Begegnungen nähmen: Zwei Leute desselben fortgeschrittenen Alters, die einander noch nie gesehen haben, wechseln auf den jeweils anderen Rand des Trottoirs - und lächeln einander zu. Die einen charmant und amüsiert, die anderen etwas verlegen.

Und manchmal tauscht man ein paar Worte aus, wünscht einander "Alles Gute" und "Viel Gesundheit" und geht dann in die entgegengesetzte Richtung auseinander mit dem Gefühl: Ab und zu dringt ja doch ein Sonnenstrahl durch die derzeit so graue Wolkendecke. Immerhin kommen wir so mit Menschen in Kontakt, an denen wir sonst vorbeigegangen wären. Eine Vergrößerung der Distanz, die mehr Nähe bewirkt. So wie die veränderten Umstände manche junge Menschen dazu bringen, für ältere den Einkauf zu besorgen. Schauen wir, was davon bleibt, wenn das Coronavirus besiegt ist.