Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Wenn Sie oder einer Ihrer Lieben im Moment gerade nicht in einer Intensivstation an der Lungenmaschine hängen, stehen die Chancen gut, dass Sie sich inzwischen leidlich an die Begleiterscheinungen der Pandemie gewöhnt haben. Sollte dem so sein, dann leben Sie gerade jene Charakteristik, die den Erfolg des Homo sapiens ausmacht: seine beeindruckende Anpassungsfähigkeit.

Kaum sind vier Wochen Ausnahmezustand ins Land gezogen, ist man bereits in der Lage, dessen Vorzüge zu genießen. Der Kühlschrank ist voll mit Köstlichkeiten. Dazu: ein bisschen weniger Arbeiten und mehr Zeit mit den Kindern. Ausgedehnte Morgenläufe in der abgasfreien Luft, die Frühlingsvögel trällern dazu ihr fröhlich Lied. Selbstgenähte Masken mit putzigen Motiven oder in avantgardistischem Schwarz verleihen dem eigenen Stil ungewohnte Schneid. Im Billa mit Marvel-Superhelden, Michael Myers oder zumindest Zorro? Wären nicht die bedrückende Nachrichtenlage und die Sorge um den Job: Es wäre ein geradezu elysischer Zustand.

Unlängst unternehme ich - freilich aus wichtigem Grund - eine Bahnfahrt in den Süden des Landes. Auch hier: alles vom Feinsten. Reichlich Platz, die Toilette blitzsauber, das Bordrestaurant geöffnet - wenn auch mit reduziertem Angebot. Die Schaffnerin kontrolliert weder Vorteilscard noch Fahrkarte. Und an mir gleitet die Landschaft vorbei. Während sich die Hoffnungsbotschaften über eine baldige Lockerung des Ausnahmezustands mehren, bemerke ich eine fast wehmütige Regung wie gegen Ende eines guten Romans. Soll es das wirklich schon gewesen sein?

Für diese Emotion geniere ich mich, weil sie so deplatziert wirkt angesichts der existenzbedrohenden Verwerfungen. Allerdings vermute ich mich in guter Gesellschaft: Den wackeren Beamten der Burghauptmannschaft zum Beispiel geht es sicher genauso. Beim ersten Anzeichen der Krise hatte diese Behörde die Tore zu den Bundesgärten verriegelt, als hätte sie spätestens seit Mai 1775 darauf gewartet. Endlich, so konnte man meinen, konnte sie zumindest zeitweilig die Fehlentscheidung von Joseph II. korrigieren, als dieser - wie das "Wienerische Diarium" damals berichtete - "die sogenannte alte Favorite, oder Augarten für das gesammte Publikum zum ersten Male" öffnete. Bald schon könnte wieder der müßiggehende Pöbel in die Gärten einziehen.

Wichtig ist derzeit: Nicht verzagen. Immerhin bleibt allen, die sich jetzt an die Krise gewöhnt haben, als Trost die - nach der Anpassungsfähigkeit - zweitwichtigste menschliche Charaktereigenschaft: Nämlich verklärt über die Vergangenheit zu sinnieren. In naher Zukunft nämlich wird es heißen: "Es ist nicht alles schlecht gewesen unter Corona."

Update am Montag, 14. April: Die Burghauptmannschaft weist darauf hin, dass sie zwar Eigentümervertreterin sei und in Parks wie dem Augarten bestimmte Verwaltungsagenden übernehme, dass aber Fragen der Parkordnung in den Zuständigkeitsbereich der Bundesgärten fallen: So auch die Sperre der Bundesgärten aus Anlass der Corona-Krise.