Normalerweise ziehen wir zu Ostern in unser Haus im Wald um. Auf das Stichwort Quarantäne hin haben wir der Stadt heuer schon einen Monat früher den Rücken gekehrt. Seither sitzen wir zu fünft im Wald. Es kommt niemand, wir gehen nirgends hin.

In der ersten Woche war es aufregend, weil die Kinder versuchten, ihren Stundenplan einzuhalten. Ab 8 Uhr war etwa Biologie, dann fünf Minuten Pause, dann 50 Minuten Mathematik - und so weiter bis 13:35 Uhr. Wenn ich fragte: "Kannst du bitte den Müllsack hinuntertragen?", hieß es: "Jetzt ist Schule." Die Nachmittage waren hausübungsfrei. Da war man geringfügig willfähriger.

Bei den Mahlzeiten kehrte jedoch bald eine besondere Ruhe ein: Niemand musste in einer Viertelstunde wieder weg. Niemand wollte "schnell vorbeischauen". Es war wie damals, als die Kinder noch klein waren: Die Familie stand wieder im Vordergrund. Nicht die einzelnen Familienmitglieder mit ihren Pflichten und Wünschen, sondern wir alle als sozialer Organismus. Da unsere Kinder vor einiger Zeit ganz altersgemäß angefangen hatten, sich stärker nach außen zu orientieren, wirkte dieses Zusammensein wie ein Innehalten, ein Zurück-Kommen, bevor sie der Weg dann in die Welt führen wird.

Die Möglichkeit, unsere Familie, immerhin mein wichtigstes Arbeitsfeld in den letzten fünfzehn Jahren, wieder ganz zu erleben, das war, so abstrus das klingen mag, ein Kollateralnutzen der Corona-Krise. Ein Besinnen auf das Wesentliche. Meine Vermutung ist, dass diese erste Zeit von nicht wenigen auch als Einladung zur Reflexion über ihre Lebensweise verstanden worden ist: Was ist wirklich wichtig? Solche Fragen stellt man sich nicht im Alltag.

In der zweiten und dritten Woche der Quarantäne drängten sich vermehrt ungemütliche Aspekte ins Bild: Es war zwar schön, den Himmel wieder einmal ohne Kondensstreifen zu sehen, aber die wirtschaftlichen Folgen des Shutdowns bereiteten nun nicht mehr nur den Ein-Mann/Frau-Firmen Sorgen. Und ich habe nicht verstanden, wie wir die Risikogruppen im Fall einer zweiten Ansteckungswelle schützen wollen. Wir haben den Peak verlagert. Das bedeutet auch, die Herdenimmunität ist noch lange nicht erreicht. Sperren wir wieder zu, wenn sich wieder mehr Leute anstecken?

Im Internet äußern hie und da Ärzte, Immunologen, Virologen, Epidemiologen, allesamt honorige Vertreter ihrer Zunft, Zweifel in Bezug auf die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen. In meinen Ohren klingen die Herren keineswegs verrückt. Ich würde gern irgendwo lesen, warum sie dennoch irren. Davon erzähle ich den beiden älteren Damen, mit denen ich gelegentlich telefoniere, nichts. Die fürchten sich auch so schon genug.