Seit Wochen leben wir jetzt nimmer auf der Erde, sondern auf einem "erdähnlichen" Planeten. Erdähnlich unter Anführungszeichen, weil sooo ähnlich sieht er der Erde auch wieder nicht. (He, wir sollten ihn nach der dominanten Lebensform nennen: Corona. Wobei: Leben Viren überhaupt? Sind das nicht eher mikroskopisch kleine Zombies?) Und wir? Laufen herum wie Aliens. Haben keinen Mund, keine Nase, keine Mimik mehr, hallo? Okay, nicht immer. Nur beim Einkaufen. Oder in den Öffis. Aber unheimlich genug.

Der Alltag hier ist jedenfalls echt hart und entbehrungsreich. Meine Finger sind schon total zerstochen. Nein, nicht vom Beerenpflücken in Dornensträuchern (meine Beeren kauf ich lieber bequem im Supermarkt). Vom Maskennähen! Na ja, ich verfüge weder über eine Nähmaschine noch über ein Nähtalent. Um allerdings nicht dieses Covid-19 zu kriegen (mit Atemnot und Fieber), muss ich mir halt etwas vors Gesicht hängen, womit ich kaum Luft bekomm und irrsinnig schwitz. Und meine Arme und Beine sind voller blauer Flecken von den verzweifelten Versuchen, eine Tür zu öffnen, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen. Ich hätte als Kind vielleicht doch diesen Judo-Kurs belegen sollen. Andererseits: Siegen durch Nachgeben? Bei einer Tür darf man keine Schwäche zeigen! Sonst gewinnt sie! Die Schwerkraft ist da anscheinend ebenfalls größer. Plötzlich wiege ich nämlich mehr. Experten meinen freilich, das läge daran, dass sämtliche Friseure zu hätten. Eigentlich hätten also lediglich die Haare zugenommen. Stimmt. Ausschauen tu ich inzwischen wie Robinson Crusoe. Bloß ohne Bart.

Ein bissl fühl ich mich wie eine dieser Testpersonen im Science-Fiction-Film "Titan - Evolve or Die". Als müsste ich mich an die sauerstoffarme Atmosphäre auf dem Saturnmond Titan anpassen, weil die Menschheit dorthin übersiedeln soll. Moment: Die Luft auf Corona ist doch sogar besser als auf der Erde. (Weniger Autoverkehr.) Ja, eh. Draußen. Die Mikroatmosphäre hinterm Mund-Nasen-Schutz hingegen wird mit jedem Atemzug stickiger (obwohl der Stickstoffgehalt genau gleich bleibt), schließlich atmet man ständig das wieder ein, was man vorher ausgeatmet hat, und das enthält bereits beim ersten Mal 100-mal so viel CO2 wie die Erdatmosphäre und statt 21 Prozent Sauerstoff nur 17. Und früher oder später kommt garantiert ein generelles Gesichtsverbot. Die größte Herausforderung wird das ESSEN mit dem Fetzerl sein. Wenn die Lokale wieder aufmachen. Ich seh mich schon vor einem Eisbecher sitzen und warten. Um die Sauce am Ende mit einer Hohlhippe aufzuschlürfen. Oder ich bestell mir ein Gulasch und ein Strohröhrl und lass mir die Fleischstückerln nachher einpacken. Tja, die Wirte werden wohl kochen müssen wie der Onkel Hipp. Wenn ich auf so einem Glas mit monochromem Babybrei lese: "Spaghetti Bolognese", oder: "Tagliatelle mit Alaska-Seelachsfilet in Rahmbrokkoli", leide ich mit dem Koch immer mit, der zuerst liebevoll eine Mahlzeit zubereitet und dann: alles rein in den Mixer! Pizza-Smoothies, Schnitzel-mit-Kartoffelsalat-Shakes . . . - das Strohröhrl wird das neue Messer und Gabel. (Wann fliegt das nächste Raumschiff zur Erde, bitte?)