Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Eine der Einsichten, die die Corona-Krise zutage fördert, ist diese: Während die Zeit vergeht, entstehen Zeiten. Und so beginnt fast jeder Artikel über das, was wir grad tun und was zu tun sei, mit der Formulierung "in Zeiten von Corona". Man kann also einfach alles nochmals schreiben und muss nur "in diesen Zeiten" dazusetzen.

Ein belangloses Beispiel aus dem eigenen Fundus: Mittlerweile ist wohl jedem klar geworden, dass eine oft zitierte Bildungsstätte in Baltimore, Maryland, nicht John, sondern Johns Hopkins University heißt. Ich darf darauf hinweisen, dass das an dieser Stelle bereits am 13. März 2016 vermerkt wurde, da in jenen Zeiten selbst in intellektuellen Medien beharrlich von einem John Hopkins die Rede blieb. Doch der Stifter, der im Eisenbahngeschäft reich wurde, 1873 starb und testamentarisch verfügte, den größten Teil seines beträchtlichen Vermögens in ein Krankenhaus und in eine Universität zu investieren, hieß eben nach dem Familiennamen seiner Großmutter Margaret Johns: Johns. Schönes Fundstück für eine Kolumne, die ja auch von bescheiden vorgetragener Besserwisserei lebt. Ein kleiner Beitrag also zu diesen Zeiten, wenn auch verfrüht.

Und wenn ich schon dabei bin: In diesen Zeiten scheinen selbst die selbst ernannten Zukunftsdeuter abgemeldet. Zwar wurden gleich zu Beginn hier und da die üblichen Plattitüden eiligst abgeliefert. Aber die Wirkung der, wie der Wiener sagt: Experten für eh alles, verpuffte angesichts seriöser Auftritte von Virologen, Soziologen und kundigen Zahlenwerkern wie denen der eben erwähnten JsHU, die in angemessener Relativierung Wichtiges zum tieferen Verständnis dieser Zeiten beizutragen haben. Die Politik hört auf sie. Das war auch schon einmal anders, nicht nur vor Urzeiten.

Damit bin ich dann bei einer Warnung, die über achtzig Jahre zurückliegt und nicht immer beherzigt worden ist: vor der "Scharlatanerie". Autorin des hier angesprochenen genialen Beitrags für die Septemberausgabe 1936 der Unternehmenszeitschrift des damaligen CIBA-Konzerns war Grete de Francesco (online hier nachzulesen). Als ich erstmals 2008 (ebenfalls u.a. in dieser Zeitung) über das Thema schrieb, war es mühsam, die Quelle zu finden, und eine noch größere Mühe, die Autorin zu identifizieren. Erst 2019 wurde eine Wikipedia-Seite eingerichtet, vermutlich im Zusammenhang mit der Niederlegung eines Stolpersteins in Salzburg für Margarethe Weissenstein, so der Mädchenname der am 5. November 1893 in Wien geborenen Autorin, die später in Mailand Giulio de Francesco heiratete und im letzten Kriegsjahr in einem KZ ermordet wurde.

Ihr Beitrag liest sich heute noch wie eine zielsichere Kritik all der kruden Weissagungen und Rezepte und der Geisterseherei, von denen wir zumindest "in diesen Zeiten" bisher verschont geblieben sind. Es lohnt sich dennoch, wieder einmal reinzuschauen, falls es doch noch Argumente braucht.