Si tacuisses, philosophus mansisses! / Hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben." Wohl jeder Lateinschüler ist früher oder später über dieses Zitat gestolpert, das die Grenzen der eigenen Erkenntnis zum Ausdruck bringen soll. Als der Gelehrte Boethius diesen Gedanken im frühen 6. Jh. formulierte, befand er sich in mehrfacher Hinsicht in einer Ausnahmesituation: Nach einer steilen politischen Karriere in Diensten des Ostgotenkönigs Theoderich, den man den Großen nannte, war er der Konspiration mit dem oströmischen Kaiser beschuldigt, angeklagt und zum Tode verurteilt worden. Um in der Isolation der Gefangenschaft mit der Furcht vor dem nahenden Tod fertig zu werden, suchte er Trost in der Beschäftigung mit grundlegenden Fragen des Lebens und verfasste seine berühmt gewordene Consolatio philosophiae, den "Trost der Philosophie".

Darin schildert Boethius die Verzweiflung eines in der Not der Gefangenschaft seelisch erkrankten Mannes, dem die Philosophie in Gestalt einer erhabenen Frau erscheint und Antworten auf die existenziellen Fragen des Daseins gibt. So macht sie ihn darauf aufmerksam, dass nicht widrige Umstände des Lebens ein Unglück darstellen, sondern ein Leben ohne ethische Werte. Ein oberflächliches Glücksgefühl (Fortuna) sei flüchtig und nicht wert, ihm nachzujagen. Jeder Mensch strebe vielmehr von Natur aus nach Glückseligkeit (Beatitudo), die das höchste aller Güter und mit dem Guten an sich identisch sei.

Die Bösen dagegen können nur entweder ihre Schlechtigkeit aufgeben oder mit ihren Bemühungen scheitern. Somit sind die Guten mächtig und erfolgreich, die Bösen schwach und erfolglos. Jedem wird unweigerlich das zuteil, was ihm zukommt: Das Gute trägt seine Belohnung allein in sich selbst, ebenso wie die Schlechtigkeit ihre eigene Strafe ist. Ein schlechter Mensch büßt sogar seine Menschlichkeit ein und nimmt eine tierische Natur an, wobei er sich je nach der Art seiner Laster einer bestimmten Tierart angleicht: Der Geizige dem Wolf, der Wilde, der seine Zunge nur zum Streiten gebraucht, wird wie ein kläffender Hund.

Im Mittelalter war die "Consolatio" außerordentlich beliebt. Sie zählte zur Schullektüre und war einer der meistkommentierten Texte. Die bekanntesten Geistesgrößen setzten sich mit der Schrift auseinander und bewunderten die Tiefe der darin geäußerten Gedanken, die am Übergang von der antiken zur christlichen Philosophie stehen. Die Antworten auf Grundfragen der menschlichen Existenz machen die Aussagen des Boethius zeitlos relevant. Inwieweit man sich in einer persönlichen Ausnahmesituation auf den Trost der Philosophie einlässt, bleibt freilich jedem selbst überlassen.