In Zeiten der Pandemie ist es natürlich gemein, dass man einander zwar nicht zu nahe kommen darf - jemandem nach wie vor aber erheblich zu nahe treten kann. Die Beleidigung allfälliger Balkonsänger aufgrund ihres Auftritts etwa war in der Wienerstadt bereits zu Beginn der Corona-Krise dokumentiert.

Aber auch das Hobby, in guter alter Blockwart-Manier seine Runden zu drehen, um möglichem Zuwiderhandeln gegen die Vorschriften (der Hausgemeinschaft, der Bundesregierung oder des Salzamts im Hausmasta-Pelz) unflätig Paroli zu bieten oder in Erinnerung an die Hippiezeit von Friseurschließungen Betroffene einmal ordentlich hairzushamen, erlebte ein Revival. In meiner Kindheit war unter alten grantigen Männern mit autoritären Gesichtszügen dafür noch der auf die Zeitgeschichte verweisende Satz "Früher hätte es das nicht gegeben!" beliebt. Wir schrieben die späten 1980er Jahre - und in Berlin stand ein Großkapitel der räumlichen Distanzierung kurz vor dem Fall.

"Geh mir nur ein wenig aus der Sonne!": Diogenes, hier auf einem Gemälde von Jean-Léon Gérôme, in seiner Behausung. - © Walters Art Museum
"Geh mir nur ein wenig aus der Sonne!": Diogenes, hier auf einem Gemälde von Jean-Léon Gérôme, in seiner Behausung. - © Walters Art Museum

Historisch ist Respektlosigkeit im Sinne des Zu-nahe-Tretens bei gleichzeitiger Bewahrung von Abstand aber auch aus dem umrätselten Leben des Diogenes von Sinope (vermutlich 413-323 v. Chr.) bekannt, der Alexander dem Großen bei seinem Besuch in Korinth eher nicht zu nahe kam und ihm lediglich ein erfrischend ehrliches "Geh mir nur" - so die Überlieferung - "ein wenig aus der Sonne!" mit auf den weiteren Lebensweg gab. Sagen wir so, auch bezüglich möglicher Schriften des Diogenes gibt es Fragezeichen; eine Art "Knigge" oder Konversations-"Elmayer" findet sich in seinem geistigen Nachlass aber sicherlich nicht.

Zuletzt begegnete man dem antiken Kyniker übrigens bei der österreichischen Band Zinn und deren schlicht "Diogenes" betitelten Debütsingle wieder. Im dazugehörigen Musikvideo geht die Sonne erst gar nicht so richtig auf - Wunder, es spielt ja auch im Soziotop der lichtscheuen Vorstadttschocherl, in denen junge Okkupantinnen aus der Kunststudentinnen-Szene ihre Tagesfreizeit hinwegbrandinesern. Das war in Zeiten der Heimisolation natürlich speziell anzusehen. Man sah wunschloses Unglück in einer fernen Zeit süßer Freiheit und dachte über die sogenannte hündische Lebensweise des Diogenes und seine zur Isolation gut passende Existenz in einer Tonne nach - die natürlich auch ein Weinfass sein könnte. Dazu setzte es schludrigen Schrammelrock Noir mit Twang-Gitarre und Damenspitz und das schönste nicht von Sven Regener gespielte Trompetenarrangement der Lumpenboheme.

Zinn-Song Nummer zwei behandelte dann bereits aus der Quarantäne heraus das Thema der "Lethargie" in vier Wänden, über die man - ohne Diogenes jetzt zu nahe treten zu wollen - besser bei Horaz nachliest, der notierte: "Bedenke stets, dir im Unglück Gleichmut zu bewahren." Bald schon sperren die Tschocherl aber eh wieder auf.