Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Nun darf man also auch wieder Freunde treffen. Mit Abstand zwar, aber immerhin. Und die Haare darf man sich schneiden lassen: Die Kunden maskiert, die Friseure hinter Visieren aus Plexiglas. Ein seltsamer Anblick. Vielleicht aber auch nicht. Haben wir uns doch mittlerweile an so viele Dinge gewöhnt, die wir früher für völlig undenkbar gehalten hätten: Wir weichen einander auf der Straße aus oder lassen uns die Hände desinfizieren, bevor wir einen Supermarkt betreten.

Wie schnell das alles gegangen ist. Und wie tief es mittlerweile sitzt. Unlängst sah ich im Fernsehen einen französischen Film, der mit einem Geburtstagsessen einer über den halben Erdball verstreuten Familie begann. Menschen, die eine Wohnung betreten, einander begrüßen, Umarmungen, Wangenküsse, alle setzen sich an den Tisch - und plötzlich ist da der Gedanke: Das sollte man doch eigentlich nicht tun! Einen Augenblick später ist klar: Das war eben früher so. Damals war das alles erlaubt.

Bald sperren auch die Schulen wieder auf. Kinder werden einander nach einer etwa so langen Pause, wie die Sommerferien es sind, wiedersehen. Früher gab’s da ein großes Hallo, Erlebnisse wurden ausgetauscht, Handys mit den lustigsten Fotos herumgereicht, Freundinnen posierten miteinander für das erste Selfie im neuen Schuljahr - und heute? Sicherheitsabstand und Masken bis zum Erreichen des Sitzplatzes. Aber am nächsten Tag wahrscheinlich bereits normal, leider.

Wenn ich an die näher rückende Möglichkeit eines Kaffeehausbesuchs denke, fehlt es mir noch an Phantasie. Wie viele der Ober und Kellnerinnen werde ich - trotz durchsichtigem Gesichtsschild - noch kennen, wie viele werden woanders arbeiten oder überhaupt nicht? Wie wird man einander auf dem Weg durch das Lokal ausweichen? Oder gar auf der Toilette? Wird man zu einer Zeitung greifen, die gerade zuvor ein anderer Gast in Händen gehalten hat? Fragen über Fragen.

Wie schön, dass die Krise auch ab und zu amüsante Erlebnisse mit sich bringt. Als ich unlängst auf meiner Abendrunde um die Ecke bog, erscholl aus einem offenen Fenster im ersten Stock in voller Lautstärke das wunderschöne Chanson "La Mer". Ich blieb stehen und hörte verzückt zu. Als Charles Trenet sein letztes "Pour la vie" gesungen hatte, sagte eine nicht mehr ganz junge Dame, die unweit von mir stand und offenbar den Musikliebhaber der betreffenden Wohnung kannte, reichlich pikiert: "Gestern hat er Opernarien gespielt." Ich fühlte mich bemüßigt, darauf hinzuweisen, wie schön doch dieses Lied und welch vorzüglicher Sänger Trenet sei, was sie schmallippig mit der Bemerkung quittierte: "Aber Pavarotti ist er keiner."

Ja, zu dumm auch. Aber so ist das eben bei uns: Es gibt Dinge, auf man sich verlassen kann, daran vermag auch eine Pandemie nichts zu ändern. Auf meinen Besuch beim Friseur bin ich übrigens schon sehr gespannt.