Radiohörer, Retro-Sport-Zuschauer und leidenschaftlicher Tellerwäscher: "extra"-Redaktionsleiter Gerald Schmickl
Radiohörer, Retro-Sport-Zuschauer und leidenschaftlicher Tellerwäscher: "extra"-Redaktionsleiter Gerald Schmickl

Kürzlich habe ich an einem Samstagvormittag ein Radiofeature über eine listige NS-Widerstandsgruppe in Tirol gehört, die im Wesentlichen von dem bei Innsbruck gelegenen Ort Oberperfuss aus tätig war (unter dem Namen "Operation Greenup"). Da ich die Sendung, die - no na - auf Österreich 1 lief, sehr interessant fand, habe ich danach an alle, die sie ebenfalls interessieren könnte, eine Nachricht mit dem link zum Nachhören verschickt. Und siehe da: Alle hatten sie bereits gehört!

Ich glaube nicht, dass das ein Zufall war, sondern dass wir derzeit - auch nach diversen "Lockerungen" (vom Lockdown) - einfach öfters zu Hause sind als in der Zeit vor Corona, und zum Beispiel Radio hören. Bei mir ist das zweifellos der Fall. Ich höre nun Beiträge und Sendungen, die mir ansonsten wohl entgangen wären. Dazu gehört eine eineinhalbstündige Aufzeichnung eines Klaviersolokonzerts des südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim (bekannter unter seinem früheren Künstlernamen Dollar Brand). Es war eine freie, gleichwohl faszinierende Klangmeditation, in hellen jazzigen Kadenzen vor sich hin perlend. Ich glaube nicht, dass ich zu anderen Zeiten die (innere) Ruhe aufgebracht hätte, diesem musikalischen Mahlstrom derart gebannt und nachhaltig zu folgen. Oder einer halben Opernaufführung (für die ganze hat es dann doch nicht gereicht).

Noch überraschender war für mich, der als Alleinlebender natürlich über andere Zeitreserven verfügt als Paare, Familien oder Alleinerziehende, dass mir ausgerechnet jenes Retortenfernsehen, über das ich mich zuvor besonders spöttisch geäußert hatte, nun am meisten Spaß macht: nämlich alte Sportübertragungen. Und es sind nicht etwa einstige Tour-de-France-Etappen in pittoresker Landschaft (Radfahren langweilt mich auch bei Live-Übertragungen) oder historische Fußballspiele (in besonders kurzen Hosen), nein - alte Tennismatches! Zum Beispiel die mehr als sechs Stunden dauernde Fünf-Satz-Partie zwischen Horst Skoff und Mats Wilander im Rahmen der Daviscup-Begegnung Österreich gegen Schweden 1989 im Wiener Dusikastadion, die der ORF (auf seinem Sportkanal) vor kurzem zwar nicht in voller Länge, aber doch sehr ausführlich zeigte.

Obwohl ich mich erinnerte, dass der legendäre "Horsti" (der 2008, nur 39-jährig, an einem Herzinfarkt verstarb) dieses Marathon-Duell gegen die damalige Nummer zwei im Welttennis gewonnen hatte (9:7 im 5. Satz), verringerte das mein Zuschauvergnügen keineswegs. Ich genoss auch 31 Jahre danach noch die prickelnde Spannung, sowohl im Betonrund der Sportanlage als auch auf dem buchstäblich knisternden Bildschirm (zum knochentrockenen Kommentar von Gerhard Zimmer, ebenfalls bereits verstorben).

Nur einer Tätigkeit widme ich mich zu Hause mit noch mehr Vergnügen und Hingabe. Dem Geschirrabwaschen. Als Verweigerer eines maschinellen Geschirrspülers lege ich einfach gerne Hand (und Schwämmchen) an und vollziehe mit Gewinn den umgekehrten Erfolgsweg - nämlich vom Millionär (in alter Schilling-Währung) zum Tellerwäscher.