Es ist seltsam. Einerseits hat gerade der UN-Generalsekretär Guterres angesichts um sich greifender Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Verschwörungsmythen von einem "Tsunami des Hasses" gesprochen. Andererseits wollen die Menschen dringend auf Urlaub in andere Länder fahren. Da fragt man sich doch: Warum? Um mal im Ausland ausländerfeindlich zu sein? Ist das der Urlaubstrend dieses Jahr? Fahren dann Deutsche nach Österreich, um sich über hinterwäldlerische Alpenbewohner zu mokieren? Fahren Österreicher nach Tschechien, um über "die Behm" zu lästern? Fahren die Tschechen dann in die Schweiz, um sich dort darüber aufzuregen, dass da keiner Deutsch spricht? Ganz versteht man das nicht. Ist das die Internationale der Nationalisten? Frei nach dem Motto: Wir fahren zu den Nachbarn, um uns zu vergewissern, was für Sautrottel das sind?

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Und das Phänomen ist ja global. In China werden laut ORF-Korrespondent vor Ort Menschen mit europäischem Aussehen auf der Straße geschnitten und im Internet beschimpft. Das wäre in Europa undenkbar. Hier werden Menschen mit asiatischem Aussehen im Internet geschnitten und auf der Straße beschimpft.

Und in Russland weiß man natürlich schon seit zwanzig Jahren (im Übrigen: Gratulation zum Amtsjubiläum, Herr Putin, Autokrat der Herzen), dass alles Schlechte von draußen kommt. Eine Haltung, die man gerade hierzulande gut nachvollziehen kann. Und der amerikanische Präsident weiß auch schon länger, dass die Immigranten nichts als Unglück bringen. Als Nachkomme von Einwanderern aus der Pfalz muss man das als die Trumpsche Form von Selbstkritik verstehen.

Weltweit setzt sich also die Geisteshaltung durch, dass den Menschen von außerhalb der jeweiligen willkürlich gezogenen Grenzen nicht zu trauen ist. Und das 75 Jahre nach dem Ende des letzten Ausbruch organissierter Fremdenfeindlich-
keit. Denn was ist Krieg anderes als die Fortsetzung der Xenophobie mit anderen Mitteln?

So unschön das alles ist, treibt es auch seltsame Blüten. Allein die Schlagzeile "Ausländerfeindlichkeit nimmt weltweit zu" lässt doch den sprachlich interessierten Betrachter ratlos zurück. Das klingt doch so wie "Ansteigende Salzwasserallergie unter Korallen". Vielleicht muss man Xenophobie als psychische Autoimmunkrankheit von Gesellschaften begreifen. Diese kann auch durch ein Virus ausgelöst werden.

Apropos ältere, kranke Menschen: Aller Heimat-Tümelei zum Trotz gibt es jetzt Sonderzüge von Rumänien nach Österreich, damit die alten Menschen hierzulande gepflegt werden können.

Frei nach Udo Lindenberg: "Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Mödling?/Ich muss da eben mal hin, denn ich bin Pflegerin." Was mit den Pflegebedürftigen in Rumänien passiert, weiß man nicht. Aber vielleicht könnte das der Urlaubstrend 2020 werden: Ferien dort machen, wo Pflegekräfte, Erntehelfer und Reinigungspersonal herkommen. Dann treffen wir uns demnächst in der Hohen Tatra, in Siebenbürgen oder im Banat, betrachten pittoresk leere Dörfer, durch die sich nur ein paar Alleingelassene schleppen und sagen uns: "Ja, so sind sie - die Ausländer."